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ADHS ohne Hyperaktivität ADS bei Erwachsenen: leise, aber nicht harmlos

ADS steht für Aufmerksamkeitsdefizitstörung, also ADHS ohne deutliche Hyperaktivität. In DSM-5 und ICD-11 heißt es heute „vorwiegend unaufmerksames Erscheinungsbild“ einer ADHS. Bei Erwachsenen zeigt es sich vor allem durch Ablenkbarkeit, abschweifende Gedanken, Vergesslichkeit und Mühe mit Organisation, während man von außen oft wenig merkt.

Aktualisiert am 14. Oktober 2026 7 Minuten Lesezeit Redaktion hej mind
Inhalt
  1. Was ist ADS?
  2. Welche Symptome hat ADS bei Erwachsenen?
  3. Was ist der Unterschied zwischen ADS und ADHS?
  4. Warum wird ADS bei Erwachsenen so oft übersehen?
  5. Gibt es bei ADS auch Hyperfokus?
  6. Wie wird ADS bei Erwachsenen festgestellt?
  7. Häufige Fragen
Auf einen Blick
  • ADS ist kein eigenes Krankheitsbild, sondern eine Form der ADHS, bei der die Unaufmerksamkeit im Vordergrund steht und Hyperaktivität kaum oder gar nicht auffällt.
  • Das DSM-5 spricht vom vorwiegend unaufmerksamen Erscheinungsbild, die ICD-11 vergibt dafür den Code 6A05.0. In der deutschen ICD-10-GM gibt es dafür den Code F98.80.
  • Erwachsene ab 17 Jahren brauchen für diese Form mindestens fünf der neun Unaufmerksamkeitssymptome aus dem DSM-5, und zwar seit der Kindheit.
  • In einer Übersicht über mehrere Metaanalysen war das unaufmerksame Erscheinungsbild bei Erwachsenen das häufigste.
  • Weil ADS leise ist, wird es oft erst spät erkannt, gerade bei Frauen und bei Menschen, die lange gut ausgleichen konnten.

Was ist ADS?

Der Begriff ADS stammt aus einer Zeit, in der Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität als zwei Varianten derselben Störung beschrieben wurden. Das amerikanische Diagnosehandbuch DSM-III führte 1980 die „Attention Deficit Disorder“ ein, mit oder ohne Hyperaktivität. Mit der Überarbeitung von 1987 hieß die Störung dann ADHS, später kamen wieder Untertypen hinzu. Im deutschen Sprachraum hat sich ADS als Name für die Form ohne Hyperaktivität gehalten.

Medizinisch ist ADS heute eine Form der ADHS, keine eigene Diagnose. Das DSM-5 nennt sie „vorwiegend unaufmerksames Erscheinungsbild“: Die Kriterien für Unaufmerksamkeit sind erfüllt, die für Hyperaktivität und Impulsivität nicht. Die ICD-11 der WHO beschreibt es genauso und vergibt den Code 6A05.0. Dort heißt es auch, dass bei dieser Form wenige oder keine Symptome der anderen Gruppe vorliegen.

In Deutschland wird für Befunde und Abrechnung noch die ICD-10-GM verwendet. Sie hat einen eigenen Code für ADS: F98.80, „Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität mit Beginn in der Kindheit und Jugend“. Die klassische ADHS läuft dort unter F90.0.

Welche Symptome hat ADS bei Erwachsenen?

Im Mittelpunkt stehen die neun Unaufmerksamkeitssymptome des DSM-5. Erwachsene brauchen mindestens fünf davon, sie müssen seit mindestens sechs Monaten bestehen, schon vor dem 12. Lebensjahr in Ansätzen da gewesen sein und in mehreren Lebensbereichen stören. Im Alltag beschreiben Erwachsene mit ADS das oft so:

  • Gedanken, die wegdriften: Du liest eine Seite dreimal, im Gespräch merkst du plötzlich, dass du gerade woanders warst.
  • Viel angefangen, wenig beendet: Aufgaben starten gut, dann ziehen dich andere Dinge oder Gedanken weg.
  • Papierkram, der liegen bleibt: Formulare, Steuererklärung oder lange Unterlagen schiebst du wochenlang vor dir her.
  • Flüchtigkeitsfehler, obwohl du es eigentlich kannst. Details rutschen durch, gerade bei Routinearbeit.
  • Vergesslichkeit im Alltag: Rückrufe, Rechnungen, Termine. Schlüssel, Brille und Unterlagen sind oft nicht da, wo sie sein sollten.
  • Organisation, die nicht hält: Ordnungssysteme funktionieren zwei Wochen, Fristen werden knapp oder verpasst.

Die ICD-11 beschreibt bei einem Teil der Betroffenen ein rein unaufmerksames Bild ohne jede Hyperaktivität, geprägt von Tagträumen, Gedankenwandern und fehlendem Fokus. In der Forschung wird dafür auch der Begriff „Sluggish Cognitive Tempo“ verwendet. Eine eigene Diagnose ist das nicht. Eine breitere Übersicht über alle Symptome, auch die hyperaktiven, findest du unter ADHS-Symptome bei Erwachsenen.

Was ist der Unterschied zwischen ADS und ADHS?

ADS und ADHS sind keine zwei Krankheiten, sondern zwei Ausprägungen derselben. Der Unterschied liegt darin, welche Symptomgruppe überwiegt.

ADS (vorwiegend unaufmerksam)ADHS (gemischtes Erscheinungsbild)
Was überwiegtUnaufmerksamkeit, Ablenkbarkeit, OrganisationUnaufmerksamkeit und Hyperaktivität/Impulsivität
Wie es nach außen wirktEher still, verträumt, „mit den Gedanken woanders“Eher unruhig, redet viel, handelt schnell
Häufiges Missverständnis„Faul“ oder „unmotiviert“„Anstrengend“ oder „undiszipliniert“
Code in der ICD-116A05.06A05.2
Code in der ICD-10-GMF98.80F90.0 (einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung)

Wichtig: Das Erscheinungsbild ist eine Momentaufnahme. Die ICD-11 hält fest, dass sich das vorherrschende Symptommuster bei einer Person im Lauf der Zeit oft verändert. Wer als Kind deutlich hyperaktiv war, kann als Erwachsene:r vor allem mit Unaufmerksamkeit kämpfen. Mehr dazu unter ADHS-Typen.

Warum wird ADS bei Erwachsenen so oft übersehen?

Wer still vor sich hin träumt, stört niemanden. Das ist der Kern des Problems. Die ICD-11 beschreibt, dass Aufmerksamkeitsprobleme oft erst ab der späteren Kindheit auffallen, vor allem in der Schule und bei Erwachsenen im Beruf. Sichtbare Unruhe dagegen wird viel früher bemerkt.

  • Frauen zeigen laut ICD-11 häufiger unaufmerksame Symptome als Männer. Gerade bei ihnen wird ADS lange als Schusseligkeit oder Stress abgetan. Mehr dazu im Magazin: ADHS bei Frauen erkennen.
  • Ausgleich durch Begabung oder Fleiß: Wer schnell denkt oder sehr viel Zeit investiert, kommt lange mit. Es kippt oft erst, wenn Studium, Job oder Familie mehr Struktur verlangen.
  • Falsche Erklärungen: Konzentrationsprobleme werden schnell als Depression, Burnout oder Charakterfrage gedeutet. Manchmal besteht beides, manchmal nur eines.
  • Der Blick nach innen fehlt: Wer nie etwas anderes erlebt hat, hält das ständige Abschweifen für normal.

Dass ADS bei Erwachsenen kein Randthema ist, zeigt eine Übersicht über mehrere Metaanalysen: Sie fand eine Häufigkeit von ADHS bei Erwachsenen von 3,1 Prozent, und das unaufmerksame Erscheinungsbild war darunter das häufigste. Auch die deutsche S3-Leitlinie hält fest, dass im Erwachsenenalter eher die Unaufmerksamkeit bestehen bleibt als die Hyperaktivität. Wie sich das im Beruf auswirken kann, liest du im Magazin: ADHS im Job.

Gibt es bei ADS auch Hyperfokus?

Ja, das schließt sich nicht aus. Viele Erwachsene mit ADS kennen beides: Bei langweiligen Aufgaben schweifen sie ständig ab, bei einem spannenden Thema vergessen sie Essen und Uhrzeit. Die ICD-11 merkt an, dass die Unaufmerksamkeit bei Tätigkeiten mit starkem Reiz und häufiger Belohnung nicht sichtbar sein kann.

Daraus folgt ein häufiges Missverständnis: „Ich kann mich doch stundenlang konzentrieren, also habe ich kein ADS.“ Bei ADHS geht es weniger um zu wenig Aufmerksamkeit als darum, sie gezielt zu steuern. Hyperfokus ist kein offizielles Kriterium, aber ein Erleben, das viele beschreiben. Mehr dazu auf unserer Seite zum Hyperfokus.

Wie wird ADS bei Erwachsenen festgestellt?

ADS wird genauso abgeklärt wie jede andere Form der ADHS: mit einem ausführlichen ärztlichen oder psychotherapeutischen Gespräch, dem Blick auf deine Kindheit, Fragebögen und, wenn möglich, Angaben von Menschen, die dich gut kennen. Dazu gehört immer die Frage, ob etwas anderes die Symptome besser erklärt, etwa eine Depression, eine Angststörung, Schlafprobleme oder eine Schilddrüsenerkrankung. Wie das im Einzelnen abläuft und was Selbsttests leisten, steht auf unserer Seite ADS-Test für Erwachsene.

Für einen ersten Eindruck kannst du unseren ADHS-Selbsttest machen. Die Diagnose stellen Fachärzt:innen oder Psychotherapeut:innen. Bei hej mind läuft die ADHS-Diagnostik ärztlich und komplett online, das unaufmerksame Erscheinungsbild ist dabei genauso Thema wie das gemischte. Wann die Krankenkasse zahlt, liest du unter ADHS-Diagnose: Kosten und Krankenkasse.

Nach der Diagnose empfiehlt die Leitlinie eine Behandlung, die zu dir passt: zuerst eine gründliche Aufklärung über ADHS, dann je nach Schweregrad psychosoziale Unterstützung, Medikamente oder beides. Ob eine medikamentöse Behandlung sinnvoll ist, wägst du mit deiner Ärztin oder deinem Arzt ab. Austausch mit anderen findest du bei hej mind Social.

Häufige Fragen

Was ist ADS?

ADS steht für Aufmerksamkeitsdefizitstörung. Gemeint ist eine ADHS, bei der Unaufmerksamkeit, Ablenkbarkeit und Vergesslichkeit im Vordergrund stehen und Hyperaktivität kaum auffällt. Fachlich heißt das heute „ADHS, vorwiegend unaufmerksames Erscheinungsbild“.

Ist ADS dasselbe wie ADHS?

ADS ist eine Form der ADHS. Beide teilen dieselben Kriterien für Unaufmerksamkeit. Bei ADS sind die Kriterien für Hyperaktivität und Impulsivität nicht erfüllt, bei der gemischten ADHS schon.

Gibt es die Diagnose ADS noch?

Als eigener Name nicht mehr im DSM-5 und in der ICD-11, dort ist es ein Erscheinungsbild der ADHS mit dem ICD-11-Code 6A05.0. In der in Deutschland noch genutzten ICD-10-GM gibt es den Code F98.80 für eine Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität.

Kann man ADS erst als Erwachsener bekommen?

Die Symptome müssen in Ansätzen schon vor dem 12. Lebensjahr da gewesen sein. Viele merken es aber erst als Erwachsene, weil sie vorher gut ausgleichen konnten oder weil stille Unaufmerksamkeit in der Schule nicht aufgefallen ist.

Haben Erwachsene mit ADS auch Hyperfokus?

Das ist häufig. Bei sehr spannenden oder belohnenden Tätigkeiten kann die Unaufmerksamkeit verschwinden, manchmal so stark, dass man alles um sich herum vergisst. Hyperfokus ist kein Diagnosekriterium und spricht nicht gegen ADS.

Ist ADS bei Frauen häufiger?

Laut ICD-11 zeigen Frauen und Mädchen häufiger unaufmerksame Symptome, Männer und Jungen häufiger hyperaktive und impulsive. Deshalb wird ADHS bei Frauen oft später erkannt, weil es weniger auffällt.

Quellen
  1. WHO: ICD-11, 6A05 Attention deficit hyperactivity disorder (Version 2025-01)
  2. BfArM: ICD-10-GM Version 2026, Block F90 bis F98
  3. SAMHSA (2016): DSM-5 Changes: Implications for Child Serious Emotional Disturbance, Tabelle 7: DSM-IV to DSM-5 Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder Comparison
  4. Lange, K. W. et al. (2010): The history of attention deficit hyperactivity disorder. ADHD Attention Deficit and Hyperactivity Disorders 2(4), 241-255
  5. Ayano, G. et al. (2023): Prevalence of attention deficit hyperactivity disorder in adults: Umbrella review of evidence generated across the globe. Psychiatry Research 328, 115449
  6. AWMF: Interdisziplinäre S3-Leitlinie Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Version 2.0 (2026), Register-Nr. 028-045

Diese Seite informiert allgemein und ersetzt keine ärztliche Untersuchung oder Diagnose. Wenn du dich in der Beschreibung wiedererkennst, sprich mit einer Ärztin, einem Arzt oder einer psychotherapeutischen Praxis, gern auch mit uns.

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