- Alexithymie heißt wörtlich „keine Worte für Gefühle“. Gemeint sind Schwierigkeiten, eigene Gefühle zu erkennen und zu beschreiben, oft verbunden mit einem stark nach außen gerichteten Denken.
- Alexithymie ist keine Diagnose in ICD oder DSM, sondern ein Merkmal, das man mehr oder weniger stark haben kann.
- In einer repräsentativen deutschen Stichprobe lagen 10 Prozent der Erwachsenen im Fragebogen TAS-20 bei 61 Punkten oder darüber.
- Bei Autismus ist Alexithymie deutlich häufiger: In einer Metaanalyse lagen im Mittel knapp 50 Prozent der autistischen Teilnehmenden über dem Grenzwert, in den Vergleichsgruppen knapp 5 Prozent.
- Alexithymie lässt sich teilweise verändern. Am deutlichsten sinken die Werte, wenn eine Behandlung gezielt an der Wahrnehmung von Gefühlen arbeitet.
Was bedeutet Alexithymie?
Das Wort stammt aus dem Griechischen: „a“ für nicht, „lexis“ für Wort, „thymos“ für Gemüt. Geprägt hat den Begriff der Psychiater Peter Sifneos Anfang der 1970er-Jahre, als er Patient:innen mit psychosomatischen Beschwerden untersuchte. Ihm fiel auf, dass viele von ihnen kaum Worte für ihre Gefühle fanden.
Heute beschreibt man Alexithymie meist mit drei Bereichen, die auch der bekannteste Fragebogen dazu erfasst:
- Gefühle erkennen: Du merkst, dass etwas in dir los ist, kannst aber schwer sagen, ob es Ärger, Angst, Traurigkeit oder Erschöpfung ist. Gefühle und Körperempfindungen lassen sich schwer auseinanderhalten.
- Gefühle beschreiben: Selbst wenn du ahnst, was du fühlst, fehlen dir die Worte, um es anderen mitzuteilen.
- Nach außen gerichtetes Denken: Deine Aufmerksamkeit liegt eher bei Fakten, Abläufen und dem, was um dich herum passiert, als bei deinem inneren Erleben.
Alexithymie ist keine Diagnose und steht weder in der ICD noch im DSM. Die Forschung behandelt sie als Dimension: Jeder Mensch hat einen Wert irgendwo zwischen „fällt mir leicht“ und „fällt mir sehr schwer“. Das umgangssprachliche Wort „Gefühlsblindheit“ führt in die Irre, denn Menschen mit Alexithymie haben durchaus Gefühle. Sie können sie nur schwer einordnen.
Woran erkennt man Alexithymie? Typische Anzeichen
Alexithymie zeigt sich selten auf einen Blick. Meist fällt sie erst in Gesprächen auf, in denen es um Gefühle geht, oder wenn Körper und Kopf scheinbar verschiedene Geschichten erzählen. Typische Erfahrungen:
- Auf die Frage „Wie geht es dir?“ fällt dir ehrlich keine Antwort ein, außer „gut“ oder „weiß nicht“.
- Du spürst Herzklopfen, Druck im Bauch oder Unruhe, kannst aber nicht sagen, welches Gefühl dahintersteckt.
- Gespräche über Gefühle wirken anstrengend oder wenig sinnvoll, über Pläne und Fakten sprichst du lieber.
- Andere fragen dich, ob du verärgert bist, und du merkst es erst durch ihre Frage.
- In Therapie oder Beratung fällt es dir schwer, mit Fragen nach deinem Erleben etwas anzufangen.
Wichtig ist die Abgrenzung zu Gefühlskälte. Wer Alexithymie hat, ist nicht gleichgültig. Viele Betroffene erleben starke innere Zustände, nur ohne Etikett. Das kann auch erklären, warum sich Anspannung manchmal lange unbemerkt aufbaut.
Gibt es einen Alexithymie-Test? Der TAS-20
Das am häufigsten genutzte Messinstrument ist die Toronto-Alexithymie-Skala mit 20 Aussagen (TAS-20). Du bewertest jede Aussage auf einer fünfstufigen Skala danach, wie sehr sie auf dich zutrifft. Daraus ergibt sich ein Gesamtwert zwischen 20 und 100 Punkten sowie je ein Wert für die drei Bereiche: Gefühle erkennen, Gefühle beschreiben und nach außen gerichtetes Denken.
Ab 61 Punkten gilt eine Alexithymie nach dem üblichen Grenzwert als ausgeprägt, knapp darunter spricht man von einem Grenzbereich. Für die deutsche Fassung gibt es Normwerte aus einer repräsentativen Stichprobe mit 1.859 Erwachsenen zwischen 20 und 69 Jahren. Der Durchschnitt lag dort bei rund 49 Punkten, 10 Prozent erreichten 61 Punkte oder mehr. Höhere Werte hingen mit niedrigerem sozialen Status sowie damit zusammen, geschieden oder alleinstehend zu sein.
Der TAS-20 ist ein Selbstbericht. Das ist bei diesem Thema eine natürliche Grenze: Wer Gefühle schwer erkennt, schätzt sich womöglich auch im Fragebogen anders ein, als andere ihn erleben. Der Wert ist deshalb ein Hinweis auf ein Merkmal, kein Befund. Die Fragen drucken wir aus Urheberrechtsgründen nicht ab.
Wenn du hinter deinen Schwierigkeiten mit Gefühlen eher Autismus vermutest, ist der Autismus-Selbsttest (AQ-10) der passendere erste Schritt. Er misst etwas anderes als der TAS-20, nämlich autistische Merkmale.
Alexithymie und Autismus: Wie hängt das zusammen?
Alexithymie ist bei autistischen Menschen deutlich häufiger als in der Allgemeinbevölkerung. Eine Metaanalyse von 2019 hat 15 Studien mit dem TAS ausgewertet. In den Studien, die Grenzwerte berichteten, lagen zwischen 33 und 63 Prozent der autistischen Teilnehmenden über dem Grenzwert, im gewichteten Mittel knapp 50 Prozent. In den nicht autistischen Vergleichsgruppen waren es knapp 5 Prozent.
Die Zahl hat auch eine zweite Seite: Etwa die Hälfte der autistischen Menschen hat keine Alexithymie. Daraus ist eine wichtige These entstanden. Studien, die Autismus und Alexithymie getrennt betrachten, fanden, dass Schwierigkeiten beim Erkennen von Gefühlen in Gesichtern, Stimmen oder Musik eher mit der Alexithymie zusammenhängen als mit dem Autismus selbst. Die Annahme, autistische Menschen könnten grundsätzlich schlecht mit Gefühlen umgehen, wird damit fraglich.
Für den Alltag heißt das: Wenn du autistisch bist und dich in den Anzeichen oben wiedererkennst, lohnt es sich, Alexithymie als eigenes Thema anzuschauen. Wer Anspannung erst spät bemerkt, hat weniger Zeit, gegenzusteuern, bevor es zu viel wird. Mehr dazu bei Meltdown, Shutdown und autistischem Burnout und bei den Anzeichen von Autismus bei Erwachsenen.
Kommt Alexithymie auch bei ADHS vor?
Ja, auch wenn dazu weniger geforscht wurde als bei Autismus. In einer türkischen Studie mit 101 Erwachsenen mit ADHS und 100 Vergleichspersonen lagen 41,5 Prozent der Menschen mit ADHS im Bereich einer Alexithymie, mehr als in der Vergleichsgruppe. Je impulsiver die Teilnehmenden waren, desto höher fielen ihre Alexithymie-Werte aus.
Das ist eine einzelne Studie mit eher jungen Erwachsenen, die Zahl lässt sich nicht verallgemeinern. Sie passt aber zu einem Bild, das viele Menschen mit ADHS kennen: Gefühle kommen schnell und heftig, und es bleibt wenig Zeit, sie einzuordnen. Mehr dazu auf der Seite über emotionale Dysregulation.
Was bedeutet Alexithymie für Partnerschaft und Sexualität?
In Beziehungen wird Alexithymie oft zuerst spürbar. In einer Studie mit 356 Menschen, die seit mindestens sechs Monaten in einer Beziehung waren, beschrieben Personen mit hohen TAS-20-Werten ihre Partnerschaft in weniger Worten, mit weniger positiven und mehr negativen Gefühlswörtern. Eine größere Angst vor Nähe erklärte einen Teil dieses Zusammenhangs.
Auch für die Sexualität gibt es Hinweise. Eine systematische Übersicht über 15 Studien fand Zusammenhänge zwischen Alexithymie und Problemen mit Lust, Erregung, Erektion sowie Schmerzen beim Sex. Mit Orgasmusproblemen hing Alexithymie dagegen nicht zusammen. Es handelt sich um Zusammenhänge, nicht um bewiesene Ursachen.
- Konkret statt offen fragen: „Brauchst du gerade Ruhe oder Nähe?“ ist leichter zu beantworten als „Was fühlst du?“.
- Körper als Hinweis nutzen: Gemeinsam benennen, was sich im Körper zeigt, etwa Müdigkeit, Anspannung oder Wärme.
- Zeit lassen: Viele können Gefühle erst später einordnen. Ein Gespräch am nächsten Tag ist kein schlechteres Gespräch.
- Signale vereinbaren: Ein Wort oder Zeichen für „mir ist es gerade zu viel“ entlastet beide Seiten.
Ursachen und Behandlung: Lässt sich Alexithymie verändern?
Die Ursachen sind nicht abschließend geklärt. Diskutiert werden Unterschiede in der Verarbeitung von Gefühlen und Körpersignalen, und Alexithymie tritt gehäuft bei bestimmten Entwicklungsbesonderheiten wie Autismus auf. Zusammenhänge mit sozialen Faktoren zeigen sich ebenfalls, sie erklären aber nicht, wie eine Alexithymie entsteht.
Eine eigene, etablierte Standardbehandlung gibt es nicht, weil Alexithymie keine Diagnose ist. Eine Übersichtsarbeit kam zu dem Ergebnis, dass sie sich durch psychologische Behandlung teilweise verändern lässt. Studien, die gezielt an der Gefühlswahrnehmung arbeiteten, berichteten meist deutlich niedrigere Werte nach der Behandlung. Bei Behandlungen ohne diesen Schwerpunkt waren die Ergebnisse uneinheitlich.
- Gefühle über den Körper erschließen: Wo spüre ich etwas, wie stark, seit wann?
- Einen eigenen Wortschatz aufbauen, etwa mit Listen von Gefühlswörtern, die du im Alltag ausprobierst.
- Kurze Notizen am Abend: Was ist heute passiert, wie hat mein Körper reagiert?
- Psychotherapie, die ausdrücklich an der Wahrnehmung von Gefühlen arbeitet.
Wenn hinter der Alexithymie eine nicht erkannte Autismus- oder ADHS-Diagnose steckt, hilft oft schon das Verständnis dafür. Eine Autismus-Diagnostik oder ADHS-Diagnostik kann klären, was dahintersteckt. Nach einer Diagnose kannst du in hej mind Social mit Menschen sprechen, die Ähnliches kennen.
Häufige Fragen
Ist Alexithymie eine Krankheit?
Nein. Alexithymie ist keine Diagnose und steht weder in der ICD noch im DSM. Sie gilt als Merkmal, das bei jedem Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Belastend werden kann sie trotzdem, etwa in Beziehungen oder wenn Anspannung lange unbemerkt bleibt.
Was ist der Unterschied zwischen Alexithymie und Gefühlskälte?
Menschen mit Alexithymie haben Gefühle, sie können sie nur schwer erkennen und benennen. Gefühlskälte meint dagegen fehlende Anteilnahme. Viele Menschen mit Alexithymie erleben sogar starke innere Zustände, nur ohne klares Etikett.
Kann ich Alexithymie online testen?
Der TAS-20 ist ein verbreiteter Fragebogen mit 20 Aussagen und wird auch online angeboten. Ab 61 Punkten gilt Alexithymie nach dem üblichen Grenzwert als ausgeprägt. Das Ergebnis ist ein Hinweis, keine Diagnose, und bei einem Selbstbericht zu Gefühlen naturgemäß begrenzt.
Haben alle autistischen Menschen Alexithymie?
Nein. In einer Metaanalyse lagen im Mittel knapp 50 Prozent der autistischen Teilnehmenden über dem Grenzwert, je nach Studie zwischen 33 und 63 Prozent. Alexithymie ist bei Autismus also häufig, gehört aber nicht zwingend dazu.
Kann man Alexithymie behandeln?
Eine eigene Standardbehandlung gibt es nicht. Studien zeigen aber, dass sich Alexithymie teilweise verändern lässt, besonders wenn eine Psychotherapie gezielt an der Wahrnehmung und Benennung von Gefühlen arbeitet. Auch Übungen im Alltag, etwa Gefühle über Körpersignale zu erschließen, können helfen.
Wie gehe ich in einer Beziehung mit Alexithymie um?
Hilfreich sind konkrete Fragen statt offener, vereinbarte Signale für Überforderung und Geduld, wenn Gefühle erst später in Worte finden. Für die Partnerin oder den Partner ist es entlastend zu wissen, dass fehlende Worte nicht fehlende Gefühle bedeuten.
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- Kiraz, S., Sertçelik, S., Erdoğan Taycan, S. (2021): The relationship between alexithymia and impulsiveness in adult attention deficit and hyperactivity disorder. Türk Psikiyatri Dergisi 32(2), 109-117
- Zdankiewicz-Ścigała, E., Ścigała, D. K., Trzebiński, J. (2024): Alexithymia in the narratization of romantic relationships: The mediating role of fear of intimacy. Journal of Clinical Medicine 13(2), 404
- Doroldi, D. et al. (2026): The interplay between alexithymia and sexual function: A systematic review. International Journal of Sexual Health 38(3), 933-946
- Cameron, K., Ogrodniczuk, J., Hadjipavlou, G. (2014): Changes in alexithymia following psychological intervention: a review. Harvard Review of Psychiatry 22(3), 162-178
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