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Abgrenzung für Erwachsene ADHS oder Autismus: Was ist der Unterschied?

ADHS und Autismus können von außen ähnlich aussehen: Mühe mit der Aufmerksamkeit, Schwierigkeiten im sozialen Miteinander, Empfindlichkeit für Reize. Der Unterschied liegt meist im Warum. Bei ADHS geht es im Kern um die Steuerung von Aufmerksamkeit, Aktivität und Impulsen, bei Autismus um soziale Kommunikation und das Bedürfnis nach Gleichförmigkeit. Beides kann auch gleichzeitig vorliegen.

Aktualisiert am 14. Oktober 2026 7 Minuten Lesezeit Redaktion hej mind
Inhalt
  1. Was kennzeichnet ADHS, was Autismus?
  2. Was ist der Unterschied zwischen ADHS und Autismus?
  3. Warum werden ADHS und Autismus verwechselt?
  4. Kann man ADHS und Autismus gleichzeitig haben?
  5. Gibt es einen Test für Autismus und ADHS zusammen?
  6. Wie wird abgeklärt, ob es ADHS oder Autismus ist?
  7. Häufige Fragen
Auf einen Blick
  • ADHS und Autismus sind zwei eigene Diagnosen mit eigenen Kriterien. Beide zählen zu den neuronalen Entwicklungsstörungen und bestehen von Kindheit an.
  • Viele Merkmale überschneiden sich im Verhalten, etwa Unaufmerksamkeit, soziale Schwierigkeiten oder Reizempfindlichkeit. Entscheidend ist der Grund dahinter.
  • Die deutsche S3-Leitlinie ADHS nennt Autismus ausdrücklich als Abgrenzungsdiagnose, weil autistische Merkmale selbst Unaufmerksamkeit oder Impulsivität auslösen können.
  • Beides gleichzeitig ist häufig. Eine große Metaanalyse fand bei 28 Prozent der autistischen Menschen zusätzlich eine ADHS, andere Arbeiten nennen deutlich höhere Werte.
  • Einen Test, der beides auf einmal klärt, gibt es nicht. Screenings geben erste Hinweise, die Diagnosen stellen Ärzt:innen.

Was kennzeichnet ADHS, was Autismus?

Beide gehören im DSM-5 zur Gruppe der neuronalen Entwicklungsstörungen. Das heißt: Beide entstehen nicht im Erwachsenenalter, sondern zeigen sich schon in der Entwicklung, auch wenn sie manchmal erst viel später erkannt werden. Die Kernmerkmale sind aber verschieden.

ADHS beschreibt ein anhaltendes Muster aus Unaufmerksamkeit sowie Hyperaktivität und Impulsivität, einzeln oder kombiniert. Mehrere Symptome müssen schon vor dem 12. Lebensjahr bestanden haben und in mehr als einem Lebensbereich auftreten, etwa im Beruf und zu Hause. Ab 17 Jahren reichen nach DSM-5 fünf Symptome in einem Bereich. Je nachdem, was überwiegt, unterscheidet man vorwiegend unaufmerksame, vorwiegend hyperaktiv-impulsive und kombinierte Erscheinungsbilder.

Autismus beschreibt anhaltende Unterschiede in sozialer Kommunikation und Interaktion sowie eingeschränkte, sich wiederholende Verhaltensweisen, Interessen oder Aktivitäten. Dazu zählt auch eine Über- oder Unterempfindlichkeit für Reize. Das DSM-5 hält ausdrücklich fest, dass sich die Merkmale manchmal erst zeigen, wenn die sozialen Anforderungen die eigenen Möglichkeiten übersteigen, oder dass sie durch erlernte Strategien verdeckt sein können.

Gerade dieser letzte Punkt erklärt, warum viele Erwachsene erst spät abgeklärt werden. Mehr dazu bei den Anzeichen von Autismus bei Erwachsenen und den ADHS-Symptomen bei Erwachsenen.

Was ist der Unterschied zwischen ADHS und Autismus?

Viele Symptome sehen auf den ersten Blick gleich aus. Ob jemand im Meeting abschaltet, Small Talk meidet oder ein Projekt nicht abschließt: Der sichtbare Teil verrät wenig. Aufschlussreich ist, warum es passiert. Die folgende Übersicht zeigt typische Tendenzen, keine Checkliste.

BereichBei ADHS eherBei Autismus eher
AufmerksamkeitSchwer zu halten, besonders bei Langweiligem. Neue Reize ziehen sie weg.Schwer umzulenken. Der Fokus bleibt lange bei einem Thema, ein Wechsel kostet Kraft.
GesprächeIns Wort fallen, abschweifen, den Faden verlieren, weil Impulse schneller sindUnsicher, wann man dran ist. Zwischentöne und ungeschriebene Regeln sind schwer zu lesen.
KontakteMeist gern unter Leuten. Probleme entstehen durch Vergessen, Unpünktlichkeit, Impulsivität.Kontakt kostet viel Energie. Lieber wenige, enge Beziehungen als viele lose.
InteressenWechselnde Begeisterung, Hyperfokus auf das, was gerade spannend istBeständige Spezialinteressen über Jahre, oft mit großem Detailwissen
PlanänderungenSpontanes fällt leicht, Planen und Dranbleiben schwerUnvorhergesehenes wirft aus der Bahn, Vorhersehbarkeit gibt Halt
BewegungInnere Unruhe, Zappeln, um wach und aufmerksam zu bleibenStimming, häufig um sich zu beruhigen
ReizeEher ein Filterproblem, dazu oft die Suche nach AnregungÜber- oder Unterempfindlichkeit, die zu den Diagnosekriterien gehört

Ein Beispiel: Zwei Menschen verlassen eine Party nach einer Stunde. Die eine Person langweilt sich, weil das Gespräch stockt, und zieht weiter. Die andere ist erschöpft, weil Lärm, Gesichter und Smalltalk zu viel geworden sind. Von außen dasselbe Verhalten, innen zwei ganz verschiedene Gründe.

Bei Frauen und bei Menschen, die viel kompensieren, passen diese Tendenzen oft schlechter. Wer gelernt hat, sich anzupassen, zeigt nach außen wenig von dem, was innen passiert. Mehr dazu auf der Seite über Masking.

Warum werden ADHS und Autismus verwechselt?

Weil sie wirklich viel gemeinsam haben. Eine Übersichtsarbeit von 2019 fasst zusammen, dass ADHS und Autismus zum Teil dieselben genetischen Grundlagen teilen und beide mit Schwierigkeiten im sozialen Miteinander und bei den exekutiven Funktionen einhergehen, also beim Planen, Organisieren und Steuern. Es gibt aber sowohl Unterschiede im Ausmaß als auch in der Art dieser Schwierigkeiten. Die Autor:innen kommen zu dem Schluss, dass die beiden verschieden genug sind, um getrennte Diagnosen zu rechtfertigen.

Die Überschneidungen wirken in beide Richtungen. Die S3-Leitlinie ADHS führt Autismus als Abgrenzungsdiagnose, weil autistische Merkmale selbst Unaufmerksamkeit oder Impulsivität auslösen können. Umgekehrt nennt die britische NICE-Leitlinie eine bekannte ADHS als einen der Hinweise, bei weiteren Anzeichen auch an Autismus zu denken. Und auch die Aufmerksamkeit unterscheidet sich: Eine französische Arbeitsgruppe weist darauf hin, dass Aufmerksamkeitsprobleme bei Autismus teils andere Ursachen haben als bei ADHS, etwa eine erschwerte gemeinsame Aufmerksamkeit mit anderen Menschen.

Hinzu kommen Merkmale, die bei beiden häufig sind, aber zu keiner der beiden Diagnosen allein gehören: starke Gefühlsschwankungen, Erschöpfung, Schlafprobleme, Reizempfindlichkeit. Mehr dazu bei emotionaler Dysregulation und Reizüberflutung. Auch Depression, Angststörungen oder Traumafolgen können ähnlich aussehen und müssen bei jeder Abklärung mitbedacht werden.

Kann man ADHS und Autismus gleichzeitig haben?

Ja. Seit dem DSM-5 von 2013 dürfen beide Diagnosen nebeneinander gestellt werden. Wie oft das vorkommt, schwankt je nach Studie stark. Eine große Metaanalyse mit klinisch bestätigten Diagnosen kam auf 28 Prozent ADHS unter autistischen Menschen. In der Fachliteratur werden auch Werte von 50 bis 70 Prozent genannt, die betreffenden Autor:innen selbst mahnen aber zur Vorsicht bei solchen Zahlen.

Wenn beides zusammenkommt, sprechen viele Betroffene von AuDHS. Was das für den Alltag bedeutet, warum sich die beiden gegenseitig verdecken können und wie das Leben damit aussieht, erklären wir ausführlich auf der Seite AuDHS: Wenn beides zusammenkommt.

Gibt es einen Test für Autismus und ADHS zusammen?

Nein. Es gibt keinen Fragebogen und keinen Test, der ADHS und Autismus gleichzeitig feststellt. Was es gibt, sind zwei getrennte Screenings, die dir einen ersten Eindruck geben:

  • ADHS: Der ADHS-Selbsttest beruht auf dem ASRS-v1.1 der WHO und umfasst 6 Fragen.
  • Autismus: Der Autismus-Selbsttest beruht auf dem AQ-10 mit 10 Fragen. Die NICE-Leitlinie empfiehlt bei Erwachsenen ab 6 Punkten eine ausführliche Autismus-Abklärung.

Beide Screenings ersetzen keine Diagnose. Weil sich viele Merkmale überschneiden, kann ein auffälliger Wert im einen Test auch durch das jeweils andere Krankheitsbild zustande kommen. Genau deshalb braucht es eine Fachperson, die beides im Blick hat.

Wie wird abgeklärt, ob es ADHS oder Autismus ist?

Eine gute Abklärung fragt nicht nur, welche Schwierigkeiten du hast, sondern seit wann, in welchen Situationen und warum. Typische Fragen, an denen sich ADHS und Autismus trennen lassen:

  • Was passiert, wenn eine Aufgabe langweilig ist, und was, wenn ein Plan sich kurzfristig ändert?
  • Fällt dir Kontakt schwer, weil du abschweifst und vergisst, oder weil soziale Situationen anstrengend und schwer zu deuten sind?
  • Wie war das in der Kindheit? Zeugnisse, Erzählungen von Eltern oder Geschwistern helfen bei der Einordnung.
  • Gibt es andere Erklärungen, etwa eine Depression, eine Angststörung oder belastende Erfahrungen?

Die S3-Leitlinie ADHS hält fest, dass die Diagnose nicht allein auf neuropsychologischen Tests beruhen darf. Entscheidend ist das Gesamtbild aus Gespräch, Fragebögen und Vorgeschichte. Bei hej mind führen wir die ADHS-Diagnostik und die Autismus-Diagnostik getrennt durch, beide ärztlich und komplett per Videosprechstunde. Wenn beides infrage kommt, beginnst du am besten dort, wo der Leidensdruck gerade am größten ist.

Häufige Fragen

Was ist der Hauptunterschied zwischen ADHS und Autismus?

Bei ADHS liegt der Kern in der Steuerung von Aufmerksamkeit, Aktivität und Impulsen. Bei Autismus liegt er in der sozialen Kommunikation und im Bedürfnis nach Gleichförmigkeit, oft zusammen mit einer veränderten Reizverarbeitung. Viele Verhaltensweisen sehen ähnlich aus, haben aber unterschiedliche Gründe.

Kann man ADHS und Autismus gleichzeitig haben?

Ja. Seit dem DSM-5 von 2013 dürfen beide Diagnosen gemeinsam gestellt werden. Eine große Metaanalyse fand bei 28 Prozent der autistischen Menschen zusätzlich eine ADHS. Ausführlich erklärt das die Seite AuDHS.

Gibt es einen gemeinsamen Test für ADHS und Autismus?

Nein. Es gibt zwei getrennte Screenings, für ADHS etwa den ASRS und für Autismus den AQ-10. Beide geben erste Hinweise, ersetzen aber keine ärztliche Diagnostik. Weil sich Merkmale überschneiden, sollte eine Fachperson beide Möglichkeiten prüfen.

Kann ADHS mit Autismus verwechselt werden?

Ja, in beide Richtungen. Die S3-Leitlinie ADHS nennt Autismus ausdrücklich als Abgrenzungsdiagnose, weil autistische Merkmale Unaufmerksamkeit oder Impulsivität auslösen können. Umgekehrt kann eine ADHS soziale Schwierigkeiten verursachen, die wie Autismus wirken. Eine sorgfältige Abklärung betrachtet deshalb immer beide Seiten.

Ist Autismus eine stärkere Form von ADHS?

Nein. ADHS und Autismus sind zwei verschiedene Entwicklungsbesonderheiten mit eigenen Kriterien, keine Stufen derselben Sache. Beide teilen manche genetischen Grundlagen und Schwierigkeiten, unterscheiden sich aber in Art und Ausprägung.

Womit soll ich anfangen, wenn beides infrage kommt?

Mit dem, was dich im Alltag gerade am meisten belastet. Stehen Chaos, Vergesslichkeit und Unruhe im Vordergrund, beginnt man oft mit ADHS. Sind es Reizüberflutung, soziale Erschöpfung und das Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit, eher mit Autismus.

Quellen
  1. American Psychiatric Association (2013): Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 5. Auflage (DSM-5)
  2. AWMF: S3-Leitlinie ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Version 2.0 (Register-Nr. 028-045)
  3. NICE (2012, aktualisiert 2021): Autism spectrum disorder in adults: diagnosis and management (CG142)
  4. Antshel, K. M., Russo, N. (2019): Autism spectrum disorders and ADHD: Overlapping phenomenology, diagnostic issues, and treatment considerations. Current Psychiatry Reports 21(5), 34
  5. Lai, M.-C. et al. (2019): Prevalence of co-occurring mental health diagnoses in the autism population. The Lancet Psychiatry 6(10), 819-829
  6. Hours, C., Recasens, C., Baleyte, J.-M. (2022): ASD and ADHD Comorbidity: What Are We Talking About? Frontiers in Psychiatry 13, 837424

Diese Seite informiert allgemein und ersetzt keine ärztliche Untersuchung oder Diagnose. Wenn du dich in der Beschreibung wiedererkennst, sprich mit einer Ärztin, einem Arzt oder einer psychotherapeutischen Praxis, gern auch mit uns.

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