- AuDHS ist keine eigene Diagnose, sondern ein Begriff aus der Community für ADHS und Autismus bei derselben Person.
- Seit dem DSM-5 (2013) dürfen beide Diagnosen nebeneinander gestellt werden. Vorher schloss die eine die andere aus.
- Beides kommt häufig zusammen vor. Eine große Übersichtsarbeit fand bei etwa 28 Prozent der autistischen Menschen zusätzlich eine ADHS.
- Typisch ist ein innerer Widerspruch: Lust auf Neues und Abwechslung trifft auf das Bedürfnis nach Ruhe, Routine und Vorhersehbarkeit.
- Abgeklärt werden beide Diagnosen getrennt, jeweils nach ihrem Fachstandard.
Was bedeutet AuDHS?
AuDHS setzt sich aus Autismus und ADHS zusammen. Im Englischen heißt es AuDHD. Gemeint sind Menschen, bei denen beide neurologischen Entwicklungsbesonderheiten vorliegen. Eine eigene medizinische Diagnose ist AuDHS nicht: Ärzt:innen stellen zwei Diagnosen, eine für ADHS und eine für Autismus.
Dass beides gleichzeitig vorliegen kann, ist in der Medizin noch gar nicht so lange anerkannt. Das amerikanische Diagnosehandbuch DSM-IV und die ICD-10 schlossen eine ADHS-Diagnose aus, wenn eine tiefgreifende Entwicklungsstörung wie Autismus festgestellt war. Erst das DSM-5 von 2013 hob diese Regel auf, die ICD-11 der WHO, international seit 2022 in Kraft, ebenfalls. Viele Erwachsene, die heute nach einer zweiten Abklärung fragen, sind deshalb in einer Zeit aufgewachsen, in der man ihnen nur eine der beiden Diagnosen geben durfte, oder gar keine.
In Deutschland wird für Abrechnung und Befunde derzeit noch die ICD-10-GM verwendet, die formal die alte Ausschlussregel enthält. Fachlich ist die gemeinsame Diagnose trotzdem anerkannt: Die deutschen S3-Leitlinien zu ADHS und zu Autismus nennen die jeweils andere Diagnose als wichtige Begleit- und Abgrenzungsdiagnose.
Wie häufig kommen ADHS und Autismus zusammen vor?
Häufiger, als man lange dachte. Eine große Metaanalyse über Studien mit autistischen Menschen fand bei etwa 28 Prozent zusätzlich eine ADHS, einzelne Studien berichten noch deutlich höhere Werte. Umgekehrt zeigen auch viele Menschen mit ADHS autistische Merkmale, ohne dass sie immer alle Kriterien erfüllen.
Die Zahlen schwanken stark, weil Studien unterschiedliche Altersgruppen, Messinstrumente und Diagnosekriterien verwenden. Sicher ist: Wer eine der beiden Diagnosen hat, sollte bei passenden Hinweisen auch die andere prüfen lassen.
Woran zeigt sich AuDHS im Alltag?
Es gibt keine feste Liste von AuDHS-Symptomen, denn es handelt sich um zwei Diagnosen mit eigenen Kriterien. Viele Betroffene beschreiben aber ein ähnliches Muster: Die beiden Seiten ziehen in entgegengesetzte Richtungen.
| Bereich | Eher ADHS | Eher Autismus |
|---|---|---|
| Struktur | Routinen werden schnell langweilig, Abwechslung gibt Energie | Routinen geben Halt, Unvorhergesehenes kostet viel Kraft |
| Reize | Suche nach Stimulation, Musik, Bewegung, Neuem | Geräusche, Licht oder Menschenmengen werden schnell zu viel |
| Aufmerksamkeit | Ablenkbar, springt zwischen Themen | Tiefer Fokus auf Spezialinteressen, Wechsel fällt schwer |
| Soziales | Unterbricht, redet viel, verliert den Faden | Unsicher mit ungeschriebenen Regeln, Smalltalk ist anstrengend |
Bei AuDHS ist oft beides da, je nach Tag und Situation. Viele kennen den Satz: „Ich brauche einen festen Plan, halte mich aber nie daran.“ Oder: „Ich will unter Leute und bin nach einer Stunde völlig erschöpft.“ Solche Widersprüche sind kein Zeichen von Unentschlossenheit, sondern ein häufiges Erleben, wenn zwei unterschiedliche Bedürfnisse gleichzeitig bestehen.
- Erschöpfung nach sozialen Situationen, obwohl du Kontakt eigentlich magst
- Hyperfokus auf Lieblingsthemen und gleichzeitig große Mühe mit Alltagsaufgaben wie Post, Haushalt oder Terminen
- Starke Reizempfindlichkeit, kombiniert mit innerer Unruhe und dem Drang nach Bewegung
- Masking: Du hast gelernt, dich anzupassen und „normal“ zu wirken, was auf Dauer viel Energie kostet
- Emotionale Überflutung, etwa wenn Pläne kurzfristig kippen
Warum AuDHS so oft spät erkannt wird
ADHS und Autismus können sich gegenseitig verdecken. Die Impulsivität der ADHS lässt manche autistischen Züge weniger auffallen, etwa wenn jemand im Gespräch lebhaft und spontan wirkt. Umgekehrt können autistische Routinen und Strukturen helfen, ADHS-Schwierigkeiten im Alltag auszugleichen.
Hinzu kommt das Masking. Gerade Frauen und Menschen, die als Kind „angepasst“ waren, haben oft früh gelernt, Erwartungen zu erfüllen. Die Probleme zeigen sich dann erst, wenn die Anforderungen steigen: im Studium, im ersten Job, mit Kindern. Viele bekommen zuerst eine der beiden Diagnosen und merken erst danach, dass damit nicht alles erklärt ist.
Ein häufiger Weg: Die ADHS wird erkannt und behandelt, die Konzentration wird besser, aber die soziale Erschöpfung und die Reizempfindlichkeit bleiben. Spätestens dann lohnt der Blick auf Autismus.
Wie läuft eine AuDHS-Diagnostik ab?
Eine „AuDHS-Diagnostik“ als ein einziges Verfahren gibt es in den Leitlinien nicht. Abgeklärt werden zwei Fragestellungen, jeweils mit eigenen Methoden. Gute Diagnostik behält dabei beide im Blick, denn viele Merkmale überschneiden sich und müssen sauber auseinandergehalten werden.
- Ausführliches Gespräch über deine aktuelle Situation, deine Kindheit und frühere Erfahrungen. Für beide Diagnosen ist wichtig, dass die Merkmale schon in der Kindheit da waren.
- Fragebögen und Interviews: für ADHS etwa strukturierte Interviews und Selbstbeurteilungsskalen, für Autismus spezifische Fragebögen und ein diagnostisches Interview.
- Fremdeinschätzung: Angaben von Eltern, Geschwistern oder Partner:innen sowie alte Zeugnisse helfen, die Entwicklung einzuordnen.
- Abgrenzung: Ärzt:innen prüfen, was besser durch etwas anderes erklärt wird, etwa durch Depression, Angst, Trauma oder Hochbegabung.
- Ärztlicher Befund mit der Einordnung, welche Diagnose oder welche Diagnosen vorliegen, und Empfehlungen für die nächsten Schritte.
Bei hej mind führen wir die ADHS-Diagnostik und die Autismus-Diagnostik getrennt durch, beide ärztlich und komplett online. Wenn du beides abklären möchtest, beginnst du am besten dort, wo der Leidensdruck gerade am größten ist. Was wir dabei über dich erfahren, fließt in die zweite Abklärung mit ein.
Leben mit AuDHS
Die Diagnose allein ändert noch nichts am Alltag, aber sie verändert oft den Blick darauf. Viele beschreiben eine große Erleichterung, endlich zu verstehen, warum Dinge so anstrengend waren. Und sie können gezielter suchen, was ihnen hilft.
- Struktur mit Spielraum: feste Abläufe für das Nötige, bewusst eingeplante Abwechslung für den Rest.
- Reize steuern: Kopfhörer, ruhige Rückzugsorte und Pausen nach sozialen Terminen.
- Energie einteilen: Viele Menschen mit AuDHS profitieren davon, ihre Belastung zu planen statt nach Gefühl.
- Behandlung der ADHS: Medikamente können bei ADHS helfen, auch wenn zusätzlich Autismus vorliegt. Das gehört in ärztliche Hände und wird individuell abgewogen.
- Austausch: Mit Menschen zu sprechen, die dasselbe erleben, nimmt viel Druck heraus. Dafür gibt es hej mind Social.
Häufige Fragen
Ist AuDHS eine offizielle Diagnose?
Nein. AuDHS ist ein Begriff aus der Community. Medizinisch werden zwei Diagnosen gestellt: eine ADHS und eine Autismus-Spektrum-Störung. Beides gleichzeitig zu diagnostizieren ist seit dem DSM-5 und der ICD-11 ausdrücklich möglich.
Kann man ADHS und Autismus gleichzeitig haben?
Ja, und das ist gar nicht selten. Studien finden bei einem großen Teil der autistischen Menschen zusätzlich eine ADHS. Lange schlossen die Diagnosehandbücher das aus. Das DSM-5 hat diese Regel 2013 aufgehoben, die ICD-11 ebenso. Deshalb sind viele Erwachsene nur mit einer der beiden Diagnosen aufgewachsen.
Gibt es einen AuDHS-Test?
Einen eigenen Test gibt es nicht. Für einen ersten Eindruck kannst du zwei Screenings machen: den ADHS-Selbsttest (ASRS) und den Autismus-Selbsttest (AQ-10). Beide ersetzen keine Diagnose, zeigen dir aber, ob sich eine Abklärung lohnen kann.
Womit soll ich anfangen, ADHS oder Autismus?
Mit dem, was dich im Alltag gerade am meisten belastet. Leidest du vor allem unter Chaos, Vergesslichkeit und Unruhe, beginnt man oft mit ADHS. Stehen Reizüberflutung, soziale Erschöpfung und das Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit im Vordergrund, eher mit Autismus.
Helfen ADHS-Medikamente auch bei AuDHS?
Sie können die ADHS-Symptome auch dann verbessern, wenn zusätzlich Autismus vorliegt. Manche Menschen reagieren aber empfindlicher auf Nebenwirkungen. Ob und welches Medikament passt, klärt eine Ärztin oder ein Arzt mit dir individuell.
Wer kann AuDHS bei Erwachsenen diagnostizieren?
Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapie sowie spezialisierte Ambulanzen, oft in Zusammenarbeit mit Psycholog:innen. Bei hej mind klärst du beide Diagnosen ärztlich und komplett online ab.
- American Psychiatric Association (2013): Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 5. Auflage (DSM-5)
- WHO: ICD-11, International Classification of Diseases 11th Revision
- AWMF: S3-Leitlinie ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Version 2.0 (Register-Nr. 028-045)
- AWMF: S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Teil 1 Diagnostik (Register-Nr. 028-018, 2016; im Register derzeit nicht abrufbar)
- Lai, M.-C. et al. (2019): Prevalence of co-occurring mental health diagnoses in the autism population. The Lancet Psychiatry 6(10), 819-829
- Hours, C., Recasens, C., Baleyte, J.-M. (2022): ASD and ADHD Comorbidity: What Are We Talking About? Frontiers in Psychiatry 13
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