- Neurodivergent beschreibt Menschen, deren Denken und Wahrnehmen deutlich von dem abweicht, was gesellschaftlich als „normal“ gilt. Das Gegenstück heißt neurotypisch.
- Neurodivergent ist keine Diagnose. Das Wort steht weder in der ICD-11 noch im DSM-5, es kommt aus der Selbstvertretung neurodivergenter, vor allem autistischer Menschen.
- Der Begriff Neurodiversität entstand in den 1990er-Jahren in Online-Gemeinschaften autistischer Menschen. Das Wort „neurodivergent“ prägte die Aktivistin Kassiane Asasumasu um das Jahr 2000.
- Häufig genannte Beispiele sind ADHS, Autismus und Legasthenie. Wie weit der Begriff darüber hinaus reicht, ist umstritten.
- Neurodiversität meint die Vielfalt aller Gehirne. Streng genommen ist deshalb eine Gruppe neurodivers, ein einzelner Mensch neurodivergent.
Was heißt neurodivergent auf Deutsch?
Das Wort setzt sich aus „neuro“ (das Nervensystem betreffend) und dem lateinischen „divergere“ zusammen, auseinanderstreben. Wörtlich übersetzt heißt neurodivergent also etwa „neurologisch abweichend“. Eine eigene deutsche Entsprechung hat sich nicht durchgesetzt, im Alltag wird das englische Wort einfach übernommen.
Eine viel zitierte Definition stammt von der Autorin Nick Walker: Neurodivergent ist ein Mensch, dessen Geist deutlich anders funktioniert, als es die vorherrschenden gesellschaftlichen Maßstäbe von „normal“ vorsehen. Wichtig ist das Wort abweichend, nicht „gestört“. Der Begriff beschreibt einen Unterschied zur Norm und sagt nichts darüber aus, ob dieser Unterschied gut oder schlecht ist.
Das heißt nicht, dass Neurodivergenz immer leicht ist. Viele neurodivergente Menschen erleben im Alltag echte Schwierigkeiten, etwa mit Organisation, Reizen oder sozialen Erwartungen. Der Begriff will beides ernst nehmen: dass es verschiedene Arten gibt, wie Gehirne arbeiten, und dass eine Umgebung, die nur für eine Art gebaut ist, für die anderen anstrengend sein kann.
Woher kommt der Begriff Neurodivergenz?
Am Anfang stand das Wort Neurodiversität. Es entstand in den 1990er-Jahren in Mailinglisten und Foren, in denen sich autistische Menschen austauschten. Oft wird es allein der australischen Soziologin Judy Singer zugeschrieben, deren Abschlussarbeit von 1998 sich mit genau dieser Online-Gemeinschaft beschäftigte. Gedruckt erschien das Wort aber schon 1997 und 1998 in Texten des Journalisten Harvey Blume, der es der autistischen Online-Gemeinschaft zuschrieb.
Eine Gruppe autistischer Forscher:innen hat 2024 in der Fachzeitschrift „Autism“ deshalb eine Korrektur veröffentlicht: Das Konzept sei gemeinsam entwickelt worden, von vielen Menschen und nicht von einer einzelnen Person. Sie verweisen unter anderem auf einen Beitrag auf einer Mailingliste von 1996.
Das Wort neurodivergent kam später dazu. Es geht auf die Aktivistin Kassiane Asasumasu zurück, die es um das Jahr 2000 prägte. Es ist bewusst weit gefasst: Es meint nicht nur autistische Menschen, sondern alle, deren Denken und Verarbeiten deutlich von der Norm abweicht.
Neurodivergent, neurodivers, neurotypisch: Was ist der Unterschied?
Die Wörter klingen ähnlich, meinen aber Verschiedenes. Diese Übersicht folgt den Definitionen, die sich in der Neurodiversitätsbewegung eingebürgert haben:
| Begriff | Bedeutung | Bezieht sich auf |
|---|---|---|
| Neurodiversität | Die natürliche Vielfalt menschlicher Gehirne und Denkweisen | alle Menschen |
| neurodivers | Eine Gruppe, in der verschiedene Denkweisen vorkommen | eine Gruppe, etwa ein Team |
| neurodivergent | Denken und Wahrnehmen weichen deutlich von der Norm ab | eine einzelne Person |
| neurotypisch | Denken und Wahrnehmen liegen im Rahmen dessen, was als „normal“ gilt | eine einzelne Person |
Im Deutschen hört man oft „ich bin neurodivers“. Das ist verständlich und wird meistens genauso gemeint wie neurodivergent. Wer es genau nehmen will: Ein einzelner Mensch kann nicht vielfältig sein, nur eine Gruppe. Deshalb sprechen viele Betroffene lieber von neurodivergent, wenn es um sie selbst geht.
Daneben gibt es die Neurodiversitätsbewegung. Gemeint ist die Bürgerrechtsbewegung, die sich für Anerkennung, Teilhabe und passende Unterstützung neurodivergenter Menschen einsetzt.
Welche Beispiele für Neurodivergenz gibt es?
Eine feste Liste gibt es nicht, weil Neurodivergenz kein medizinischer Begriff ist. Fast immer genannt werden die sogenannten neuronalen Entwicklungsstörungen. Die WHO fasst sie in der ICD-11 in einer eigenen Gruppe zusammen, darunter Autismus, ADHS und die Lernstörungen, zu denen die Lese-Rechtschreibstörung gehört.
- ADHS: Aufmerksamkeit, Impulsivität und Unruhe, bei Erwachsenen oft als inneres Getriebensein. Mehr dazu unter ADHS-Symptome bei Erwachsenen.
- Autismus: andere Wahrnehmung und Kommunikation, ein Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit, oft starke Reizempfindlichkeit. Siehe Autismus bei Erwachsenen.
- Legasthenie: anhaltende Schwierigkeiten beim Lesen oder Schreiben, unabhängig von Intelligenz. Siehe Was ist Legasthenie?
- Weitere, die häufig dazugezählt werden: Dyskalkulie, Tic-Störungen wie das Tourette-Syndrom und Schwierigkeiten in der motorischen Koordination.
Ob auch anderes dazugehört, wird unterschiedlich gesehen. Manche zählen Hochbegabung dazu, weil sie ebenfalls mit einer anderen Art zu denken einhergehen kann. Nach der Definition von Nick Walker kann Neurodivergenz angeboren sein oder durch Erfahrungen entstehen, die das Gehirn verändern, etwa durch ein Trauma. Ob auch psychische Erkrankungen wie Angststörungen dazugehören, ist umstritten, manchen ist das zu weit gefasst. Es gibt keine Instanz, die das verbindlich entscheidet.
Viele Menschen haben mehr als eine dieser Besonderheiten. ADHS und Autismus treten zum Beispiel häufig gemeinsam auf, das beschreibt die Seite AuDHS. Warum Hochbegabung und andere Formen von Neurodivergenz so oft zusammengedacht werden, vertieft der Magazin-Artikel Hochbegabung und Neurodivergenz.
Wo stößt der Begriff an Grenzen?
Neurodivergenz hat vielen Menschen geholfen, sich selbst ohne Scham zu beschreiben. Trotzdem wird der Begriff auch in der Fachwelt kritisch diskutiert, und zwar nicht nur von außen, sondern auch innerhalb der Bewegung.
- Er ist unscharf. Es gibt keine allgemein anerkannte Definition, wer dazugehört. Deshalb gibt es auch keine verlässliche Zahl, wie viele Menschen neurodivergent sind.
- Er spricht nicht für alle. Kritiker:innen bemängeln, dass vor allem Menschen mit geringem Unterstützungsbedarf die Debatte prägen. Menschen, die etwa zusätzlich eine geistige Behinderung haben, kommen seltener zu Wort.
- Er unterstellt Gemeinsamkeit. Ein Mensch mit ADHS und ein Mensch mit Autismus erleben oft sehr Verschiedenes. Ein Sammelbegriff kann den Eindruck erwecken, es gäbe eine gemeinsame Erfahrung.
- Unterschied und Belastung schließen sich nicht aus. Wer Neurodivergenz nur als Vielfalt sieht, übersieht leicht echten Leidensdruck. Wer sie nur als Störung sieht, übersieht Stärken und die Rolle der Umgebung. Viele Fachleute vertreten deshalb eine Sicht, in der beides zählt.
Für Behandlung, Krankenkasse oder einen Nachteilsausgleich zählt nicht das Wort neurodivergent, sondern eine ärztliche Diagnose nach ICD. Wer Unterstützung beantragen will, braucht also eine Abklärung der konkreten Fragestellung.
Bin ich neurodivergent?
Viele Menschen stellen sich diese Frage, weil sie merken, dass manches bei ihnen anders läuft als bei anderen: Sie sind schneller erschöpft, brauchen mehr Struktur oder kommen mit Reizen schlechter zurecht. Neurodivergent als Selbstbezeichnung zu verwenden, steht jeder Person frei. Einen Test, der das Wort selbst prüft, gibt es aber nicht. Warum, erklärt die Seite Neurodivergent-Test.
Sinnvoll ist eine Abklärung vor allem dann, wenn du darunter leidest, wenn du Unterstützung beantragen möchtest oder wenn eine Behandlung infrage kommt. Dann geht es um eine konkrete Frage: Liegt eine ADHS vor, ein Autismus, eine Legasthenie, eine Hochbegabung? Einen ersten Eindruck geben unsere Selbsttests, etwa der ADHS-Selbsttest oder der Autismus-Selbsttest. Bei hej mind kannst du danach ADHS, Autismus und Legasthenie ärztlich abklären oder deine Begabung testen lassen, komplett online.
Und nach einer Diagnose musst du nicht allein weitersehen. In hej mind Social tauschen sich neurodivergente Menschen aus, die ihre Diagnose bestätigt bekommen haben. Wie du deine Bedürfnisse im Alltag besser erkennst und Grenzen setzt, beschreibt der Artikel Neurodivergenz verstehen.
Häufige Fragen
Ist neurodivergent eine Diagnose?
Nein. Neurodivergent ist ein Begriff aus der Neurodiversitätsbewegung und steht in keinem medizinischen Klassifikationssystem. Diagnosen stellen Ärzt:innen für konkrete Krankheitsbilder, etwa ADHS oder eine Autismus-Spektrum-Störung. Der Begriff neurodivergent fasst solche Besonderheiten nur zusammen.
Was ist das Gegenteil von neurodivergent?
Das Gegenwort ist neurotypisch. Es beschreibt Menschen, deren Denken und Wahrnehmen im Rahmen dessen liegen, was gesellschaftlich als „normal“ gilt. Eine Wertung ist damit nicht verbunden, beide Wörter beschreiben nur die Lage zur Norm.
Heißt es neurodivers oder neurodivergent?
Für eine einzelne Person ist neurodivergent der genauere Begriff. Neurodivers beschreibt eigentlich eine Gruppe, in der verschiedene Denkweisen vorkommen. Im Alltag werden beide Wörter oft gleich verwendet, verstanden wird meistens dasselbe.
Ist Hochbegabung neurodivergent?
Darüber gibt es keine Einigkeit. Hochbegabung ist keine Störung und keine Diagnose, sie geht aber oft mit einer anderen Art zu denken und zu erleben einher. Viele zählen sie deshalb dazu. Mehr dazu auf der Seite Hochbegabung erkennen.
Ist Neurodivergenz eine Krankheit oder Behinderung?
Neurodivergenz an sich ist weder das eine noch das andere, sondern ein Sammelbegriff. Einzelne Formen wie ADHS oder Autismus sind aber anerkannte Diagnosen und können im Alltag so stark einschränken, dass sie als Behinderung gelten. Das hängt vom Einzelfall ab, nicht vom Wort.
Wie viele Menschen sind neurodivergent?
Eine belastbare Zahl gibt es nicht, weil nicht festgelegt ist, wer dazugehört. Je nachdem, ob man nur ADHS, Autismus und Lernstörungen zählt oder auch Hochbegabung und psychische Erkrankungen, ergeben sich ganz unterschiedliche Anteile. Vorsicht also bei Zahlen ohne Quelle.
- Botha, M., Chapman, R., Giwa Onaiwu, M., Kapp, S. K., Stannard Ashley, A., Walker, N. (2024): The neurodiversity concept was developed collectively: An overdue correction on the origins of neurodiversity theory. Autism 28(6), 1591-1594
- Walker, N. (2021): Neuroqueer Heresies. Notes on the Neurodiversity Paradigm, Autistic Empowerment, and Postnormal Possibilities. Autonomous Press
- Dwyer, P. (2022): The Neurodiversity Approach(es): What Are They and What Do They Mean for Researchers? Human Development 66(2), 73-92
- Russell, G. (2020): Critiques of the Neurodiversity Movement. In: Kapp, S. K. (Hrsg.): Autistic Community and the Neurodiversity Movement. Palgrave Macmillan, 287-303
- Stenning, A., Bertilsdotter Rosqvist, H. (2021): Neurodiversity studies: mapping out possibilities of a new critical paradigm. Disability & Society 36(9), 1532-1537
- WHO: ICD-11, International Classification of Diseases 11th Revision, Kapitel Neurodevelopmental disorders
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