- Legasthenie ist der Alltagsbegriff für die Lese-Rechtschreibstörung, eine umschriebene Entwicklungsstörung. Auf Englisch heißt sie dyslexia.
- Sie zeigt sich in langsamem, fehlerhaftem Lesen oder anhaltenden Rechtschreibfehlern, obwohl Intelligenz, Sehen, Hören und Unterricht ausreichen.
- Im Schulalter sind nach aktuellen Angaben etwa 3 bis 8 Prozent betroffen. Ohne wirksame Förderung bleibt die Störung oft bestehen, auch im Erwachsenenalter.
- Die Ursachen sind vor allem neurobiologisch und erblich. Studien schätzen die Erblichkeit auf 40 bis 70 Prozent.
- Am besten belegt ist das systematische Üben der Zuordnung von Buchstaben und Lauten. Erwachsenen helfen zusätzlich Hilfsmittel und ein Nachteilsausgleich in Prüfungen.
Was bedeutet Legasthenie?
Wörtlich heißt Legasthenie so viel wie Leseschwäche. Laut Duden steckt darin das lateinische legere (lesen) und Asthenie, ein Wort griechischer Herkunft für Schwäche. Gemeint ist eine Lese-Rechtschreibstörung: Lesen oder Rechtschreiben zu lernen, oft beides, fällt von Anfang an deutlich schwerer, als es Alter, Intelligenz und Unterricht erwarten lassen. Die Schwierigkeit ist umschrieben. Sie betrifft gezielt die Schriftsprache, nicht das Denken insgesamt.
In der Medizin hat sie feste Plätze. Die in Deutschland verwendete ICD-10-GM führt sie als F81.0 Lese- und Rechtschreibstörung, die Entwicklungsdyslexie ist dort ausdrücklich eingeschlossen. Wer nur mit der Rechtschreibung kämpft und nie eine Lesestörung hatte, bekommt F81.1, die isolierte Rechtschreibstörung. Die ICD-11 der WHO fasst beides unter 6A03 zusammen, als developmental learning disorder mit Beeinträchtigung im Lesen (6A03.0) oder im schriftlichen Ausdruck (6A03.1).
Auf Englisch heißt Legasthenie dyslexia, im Deutschen hört man deshalb auch Dyslexie. Abzugrenzen ist die Alexie: Wer das Lesen erst später verliert, etwa nach einer Erkrankung des Gehirns, hat keine Legasthenie. Die ICD-10-GM nimmt die Alexie ausdrücklich aus der Diagnose heraus.
Woran erkennt man Legasthenie bei Erwachsenen?
Als Erwachsene:r hast du über Jahre Strategien entwickelt. Eine Legasthenie fällt deshalb selten noch als rot angestrichenes Diktat auf, sondern als Mühe, die andere nicht sehen. Typisch sind:
- Langsames Lesen: Du brauchst für Texte deutlich länger als andere und liest manches mehrmals, bis du es verstanden hast.
- Verlesen: Ähnliche Wörter werden vertauscht, Endungen verschluckt, beim Vorlesen stockst du.
- Unsichere Rechtschreibung trotz Übung, etwa bei Groß- und Kleinschreibung, bei Konsonantenhäufungen oder bei langen und kurzen Vokalen.
- Vermeiden: Spontan schreiben, vorlesen oder Protokoll führen meidest du, wichtige E-Mails liest du mehrfach Korrektur.
- Erschöpfung: Lesen und Schreiben kosten so viel Konzentration, dass für den Inhalt wenig Kraft übrig bleibt.
Ein wichtiger Hinweis ist die Vorgeschichte. Eine Legasthenie beginnt nicht erst im Beruf, die Schwierigkeiten waren schon beim Lesen- und Schreibenlernen da, auch wenn sie damals niemand so genannt hat. Alte Zeugnisse und Erinnerungen an die Schulzeit helfen deshalb bei der Einordnung.
Legasthenie sagt nichts über Intelligenz aus. Viele Betroffene haben ihre Schwierigkeiten lange überspielt und sich für unkonzentriert oder „nicht gut mit Sprache“ gehalten. Mehr dazu im Magazin: Legasthenie ist keine Frage der Intelligenz.
Welche Ursachen hat eine Legasthenie?
Eine Legasthenie entsteht nicht durch Faulheit, falsche Erziehung oder zu wenig Lesen. Die Forschung sieht vor allem neurobiologische und erbliche Ursachen. Schätzungen zur Erblichkeit liegen bei 40 bis 70 Prozent. Dahinter steht kein einzelnes „Legasthenie-Gen“, sondern das Zusammenspiel vieler Gene mit jeweils kleiner Wirkung. In Studien mit Kindern aus Familien, in denen schon jemand betroffen ist, entwickelten im Schnitt 45 Prozent selbst eine Legasthenie.
Was anders läuft, zeigt sich vor allem bei der Verarbeitung von Sprachlauten. Kinder mit Lesestörung haben oft Mühe, Laute zu unterscheiden und sich die Zuordnung von Buchstaben und Lauten einzuprägen. Das Zusammenziehen einzelner Laute zu einem Wort dauert länger, Wörter werden langsamer aus dem Gedächtnis abgerufen. Lesen wird dadurch nicht automatisch, sondern bleibt Arbeit. Beim Schreiben gelingt es schwer, sich die richtige Schreibweise von Wörtern und Wortteilen zu merken.
Von einer Legasthenie spricht man nur, wenn andere Erklärungen nicht besser passen. Die ICD-11 nennt ausdrücklich: eine Intelligenzminderung, Seh- oder Hörstörungen, neurologische Erkrankungen, fehlenden Unterricht, mangelnde Kenntnis der Unterrichtssprache und belastende psychosoziale Umstände.
Wie häufig ist Legasthenie, und bleibt sie im Erwachsenenalter?
Legasthenie gehört zu den häufigsten Entwicklungsstörungen im Schulalter. In der Anmeldung zur Überarbeitung der deutschen S3-Leitlinie wird die Häufigkeit mit ungefähr 3 bis 8 Prozent angegeben. Diese Zahlen stammen aus Studien mit Schulkindern.
Auswachsen tut sich eine Legasthenie meist nicht. Dieselbe Leitlinien-Anmeldung spricht von einer hohen Beständigkeit, wenn keine wirksame Förderung erfolgt. Laut einer Übersichtsarbeit im Deutschen Ärzteblatt können Kernsymptome bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben. Viele lesen später flüssiger, doch die Rechtschreibung bleibt oft unsicher, und Lesen kostet weiter mehr Kraft als bei anderen.
Häufig kommt etwas dazu. Laut derselben Übersichtsarbeit ist ADHS im Grundschulalter die häufigste Begleitstörung, sie betrifft etwa 20 Prozent der Kinder mit Lese-Rechtschreibstörung. Auch Ängste und depressive Beschwerden treten häufiger auf. Bei einer Abklärung im Erwachsenenalter lohnt deshalb der Blick auf Konzentration und Stimmung. Mehr dazu im Magazin: Legasthenie und ADHS.
Wie läuft ein Test auf Lese-Rechtschreibstörung bei Erwachsenen ab?
Eine Legasthenie lässt sich nicht mit einem Online-Quiz feststellen. Die Diagnose stützt sich auf standardisierte Tests, deren Ergebnisse mit Menschen gleichen Alters verglichen werden, und auf die Geschichte deiner Lese- und Schreibentwicklung. Wie genau getestet wird, ist in Deutschland bislang uneinheitlich, das ist einer der Gründe für die Überarbeitung der Leitlinie. Eine gute Diagnostik umfasst:
- Gespräch über deine Geschichte: Wie lief das Lesen- und Schreibenlernen, wie war die Schulzeit, was fällt dir heute schwer? Schulzeugnisse und frühere Befunde helfen.
- Standardisierte Lese- und Rechtschreibtests: Gemessen werden Lesegeschwindigkeit, Lesegenauigkeit, Leseverständnis und Rechtschreibung.
- Einordnung der kognitiven Fähigkeiten: Ein Intelligenztest zeigt, ob die Schwierigkeiten umschrieben sind oder etwas anderes sie besser erklärt.
- Abgrenzung: Seh- und Hörprobleme, eine andere Erstsprache oder fehlender Unterricht dürfen nicht die eigentliche Ursache sein. Auch ADHS, Autismus oder Hochbegabung können mit hineinspielen.
- Befund: Am Ende steht eine Einordnung nach ICD und eine Empfehlung, was dir jetzt hilft.
Bei hej mind läuft die Legasthenie-Diagnostik komplett online am Laptop oder PC, ärztlich und psychologisch begleitet. Nach Erstgespräch und standardisierter Lese- und Rechtschreibtestung folgt eine Einschätzung deiner kognitiven Stärken, dann das ärztliche Abschlussgespräch mit Befund. Sind die Kriterien erfüllt, bekommst du ein ärztliches Attest, etwa für einen Nachteilsausgleich. Insgesamt dauert das zwei bis vier Wochen. Wenn du erst einmal für dich prüfen willst, ob sich das lohnt, mach den Legasthenie-Selbsttest mit 9 Fragen. Er ist nicht normiert und ersetzt keine Diagnostik, gibt dir aber eine erste Tendenz.
Welche Therapie hilft bei Legasthenie?
Eine Legasthenie verschwindet nicht durch eine einzelne Behandlung. Gezielte Förderung kann Lesen und Schreiben aber verbessern, und gute Strategien nehmen viel Druck aus dem Alltag. Die meisten Studien stammen aus der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Eine Metaanalyse über 22 randomisierte Studien fand dort nur für einen Ansatz eine gesicherte Wirkung auf Lesen und Rechtschreiben: das systematische Üben der Zuordnung von Buchstaben und Lauten, im Englischen phonics genannt.
Andere Ansätze konnten das nicht zeigen, darunter farbige Folien oder Gläser, Hörtrainings und reines Training des Lesetempos. Auch Medikamente helfen nicht gegen die Legasthenie selbst. Liegt zusätzlich eine ADHS vor, kann deren Behandlung das Lernen erleichtern. Ob dafür Medikamente infrage kommen, wägt eine Ärztin oder ein Arzt individuell mit dir ab.
Was Erwachsenen im Alltag hilft
- Gezieltes Training: Lese- und Rechtschreibtraining, das bei Laut und Buchstabe ansetzt, statt nur auf viel Lesen zu setzen.
- Technik nutzen: Vorlesefunktionen, Diktiersoftware und Rechtschreibprüfung gleichen viel aus. Die Kultusministerkonferenz nennt Audiohilfen und Computer ausdrücklich als möglichen Nachteilsausgleich.
- Nachteilsausgleich: Im Studium, in der Ausbildung und bei Prüfungen kannst du mehr Zeit oder andere Bedingungen beantragen. Wie das geht, steht auf der Seite zum Nachteilsausgleich.
- Psychologische Unterstützung: Scham, Prüfungsangst und ein angeschlagener Selbstwert begleiten viele Betroffene. Bei hej mind gibt es für Erwachsene mit gesicherter Diagnose eine psychologische Beratung per Video.
Für Kinder und Jugendliche gibt es einen eigenen Weg über das Jugendamt, die Eingliederungshilfe nach § 35a SGB VIII. Voraussetzung ist nicht die Legasthenie allein, sondern dass die seelische Gesundheit länger als sechs Monate beeinträchtigt ist und dadurch die Teilhabe leidet oder zu leiden droht. Junge Volljährige können Hilfe nach § 41 SGB VIII bekommen, in der Regel bis zum 21. Geburtstag.
Häufige Fragen
Was heißt Legasthenie auf Englisch?
Auf Englisch heißt Legasthenie dyslexia, in der Fachsprache auch developmental dyslexia. Die ICD-11 der WHO spricht von developmental learning disorder with impairment in reading. Im Deutschen sind Lese-Rechtschreibstörung und Dyslexie gebräuchlich.
Hat Legasthenie etwas mit Intelligenz zu tun?
Nein. Eine Legasthenie betrifft gezielt Lesen und Rechtschreiben, und sie wird gerade dann diagnostiziert, wenn diese Fähigkeiten deutlich hinter dem zurückbleiben, was nach Alter und allgemeinen Fähigkeiten zu erwarten wäre. Sie kommt bei durchschnittlicher Begabung genauso vor wie bei Hochbegabung.
Kann man Legasthenie erst als Erwachsene:r bekommen?
Nein. Eine Legasthenie ist eine Entwicklungsstörung und zeigt sich, sobald Lesen und Schreiben in der Grundschule gelernt werden. Viele Erwachsene erfahren aber erst spät davon, weil sie ihre Schwierigkeiten lange ausgeglichen haben. Wer das Lesen erst nach einer Erkrankung des Gehirns verliert, hat eine erworbene Lesestörung.
Ist Legasthenie eine Behinderung?
Das Bundesverfassungsgericht hat 2023 entschieden, dass Legasthenie eine Behinderung im Sinne des Grundgesetzes ist. Niemand darf deshalb benachteiligt werden. Das heißt nicht automatisch, dass ein Amt einen Grad der Behinderung feststellt. Mehr dazu auf der Seite zum Schwerbehindertenausweis.
Geht eine Legasthenie wieder weg?
Meist bleibt sie in einer gewissen Form bestehen, besonders die Unsicherheit beim Rechtschreiben. Mit gezielter Förderung, Übung und Hilfsmitteln kann sich das Lesen aber verbessern, und viele finden Wege, in Studium und Beruf gut zurechtzukommen. Ein Nachteilsausgleich hilft, dass Prüfungen zeigen, was du wirklich kannst.
Wer kann Legasthenie bei Erwachsenen diagnostizieren?
Ärzt:innen, häufig gemeinsam mit Psycholog:innen, die standardisierte Lese- und Rechtschreibtests mit passenden Normen einsetzen und andere Ursachen ausschließen. Bei hej mind klärst du Legasthenie ärztlich und psychologisch begleitet komplett online ab, mit Befund und, wenn die Kriterien erfüllt sind, einem ärztlichen Attest.
- BfArM: ICD-10-GM Version 2026, F81.0 Lese- und Rechtschreibstörung, F81.1 Isolierte Rechtschreibstörung
- WHO: ICD-11, 6A03.0 Developmental learning disorder with impairment in reading
- AWMF: S3-Leitlinie Diagnostik und Behandlung bei der Lese- und/oder Rechtschreibstörung, Anmeldung der Überarbeitung vom 23.06.2025 (Register-Nr. 028-044)
- Schulte-Körne, G. (2010): The Prevention, Diagnosis, and Treatment of Dyslexia. Deutsches Ärzteblatt International 107(41), 718-727
- Galuschka, K., Ise, E., Krick, K., Schulte-Körne, G. (2014): Effectiveness of Treatment Approaches for Children and Adolescents with Reading Disabilities: A Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. PLOS ONE 9(2), e89900
- Erbeli, F., Rice, M., Paracchini, S. (2022): Insights into Dyslexia Genetics Research from the Last Two Decades. Brain Sciences 12(1), 27
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