- Es gibt keinen wissenschaftlich geprüften Neurodivergenz-Test. Online-Tests unter diesem Namen sind meist Fragensammlungen ohne geprüfte Aussagekraft.
- Seriöse Screenings sind für eine konkrete Fragestellung gebaut, etwa der ASRS für ADHS oder der AQ-10 für Autismus.
- Ein Screening ist keine Diagnose. Es kann Betroffene übersehen und Menschen auffällig einstufen, die es nicht sind.
- Ob ADHS, Autismus, Legasthenie oder Hochbegabung vorliegt, klären Fachleute mit Gespräch, Vorgeschichte und standardisierten Verfahren.
- Unsere vier kostenlosen Selbsttests geben dir einen ersten Eindruck: je einer für ADHS, Autismus, Hochbegabung und Legasthenie.
Gibt es einen Test, ob ich neurodivergent bin?
Nein, und das liegt am Begriff selbst. Neurodivergent fasst sehr verschiedene Arten zusammen, wie Gehirne arbeiten können: ADHS, Autismus, Legasthenie und mehr. Diese Besonderheiten haben eigene Merkmale und eigene Diagnosekriterien. Ein gemeinsames Merkmal, das ein einziger Fragebogen messen könnte, gibt es nicht.
Im Netz findest du trotzdem viele „Neurodivergent-Tests“. Meist mischen sie Fragen zu Reizempfindlichkeit, Konzentration und sozialem Erleben und zählen am Ende Punkte zusammen. Zum Nachdenken über dich selbst können sie anregen. Geprüft, ob ihr Ergebnis irgendetwas vorhersagt, sind sie in der Regel nicht. Das gilt auch für Angebote, die als Neurodiversität-Test für Erwachsene beworben werden.
Hilfreicher ist die Frage: Was genau vermute ich? Wenn du dich in Beschreibungen von ADHS wiederfindest, ist ein ADHS-Screening sinnvoll. Geht es eher um Reize, Routinen und soziale Erschöpfung, ein Autismus-Screening. Oft passt auch beides, dann lohnt sich ein Blick auf AuDHS.
Welche Screenings gibt es für welche Fragestellung?
Für die häufigsten Fragestellungen gibt es etablierte Fragebögen. Wir beschreiben sie hier, drucken aber keine Fragen ab, weil die Rechte bei den Entwickler:innen liegen.
| Fragestellung | Bekannte Screenings | Selbsttest bei hej mind |
|---|---|---|
| ADHS | ASRS v1.1 der WHO: 18 Fragen, davon 6 als Kurz-Screener | ADHS-Selbsttest (ASRS-v1.1, 6 Fragen) |
| Autismus | AQ-10 als Kurzform des AQ, außerdem der längere RAADS-R | Autismus-Selbsttest (AQ-10, 10 Fragen) |
| Masking bei Autismus | CAT-Q, erfasst Anpassungsstrategien | kein eigener Test |
| Legasthenie | Fragen zu Lesen und Schreiben im Alltag, die Diagnose braucht standardisierte Lese- und Rechtschreibtests | Legasthenie-Selbst-Check (9 Fragen) |
| Hochbegabung | Selbstchecks zu typischen Erlebensweisen, festgestellt wird sie nur mit einem normierten Intelligenztest | Hochbegabung-Selbstcheck (10 Fragen) |
| Hochsensibilität | HSP-Skala nach Aron, keine Diagnose | kein eigener Test |
Mehr zu einzelnen Fragebögen findest du auf den Seiten zum RAADS-R, zum Masking und CAT-Q und zur Hochsensibilität.
Wie zuverlässig sind solche Selbsttests?
Screenings sind dafür gebaut, schnell und ohne Fachpersonal einen Hinweis zu geben. Dafür nehmen sie Fehler in Kauf. Wie groß diese Fehler sind, zeigen die Studien zu den bekanntesten Fragebögen:
- ASRS-Screener (ADHS): In der Entwicklungsstudie mit 154 Befragten erkannten die sechs Fragen 68,7 Prozent der Menschen, die laut klinischer Einschätzung ADHS hatten. Etwa drei von zehn rutschten also durch. Falschen Alarm gab es dagegen kaum.
- AQ-10 (Autismus): In der Entwicklungsstudie mit über 1.000 autistischen Menschen und 3.000 Vergleichspersonen trennte ein Wert ab 6 die Gruppen gut. Verglichen wurden aber diagnostizierte Personen mit Menschen ohne jeden Verdacht, nicht Menschen mit ähnlichen Beschwerden.
- AQ in der Praxis: Eine Londoner Studie mit 476 Erwachsenen, die in einer Spezialambulanz auf Autismus untersucht wurden, nutzte die ausführliche Fassung des AQ. 64 Prozent derer, die unter dem Grenzwert lagen, bekamen trotzdem eine Autismus-Diagnose. Eine Angststörung konnte die Werte zudem erhöhen.
Daraus folgt zweierlei. Ein unauffälliges Ergebnis schließt nichts aus, vor allem nicht bei Menschen, die gelernt haben, sich stark anzupassen. Und ein auffälliges Ergebnis beweist nichts, denn Depression, Angst, Erschöpfung oder belastende Erfahrungen können ähnliche Antworten erzeugen. Die britische Leitlinie NICE empfiehlt deshalb eine ausführliche Autismus-Abklärung, wenn der AQ-10 bei 6 oder höher liegt, aber auch dann, wenn der klinische Eindruck dafür spricht, unabhängig vom Punktwert.
Gibt es einen Neurodivergenz-Test für Frauen?
Einen eigenen, wissenschaftlich geprüften Test für Frauen gibt es nicht. Die bekannten Screenings stellen allen dieselben Fragen. Das ist ein Problem, denn gerade bei Frauen und bei Menschen, die sich über Jahre stark angepasst haben, bleiben ADHS und Autismus nach unserer Erfahrung häufig lange unerkannt. Eine Übersichtsarbeit zum Autismus bei Frauen kommt zu dem Schluss, dass vieles für ein eigenes, weiblich geprägtes Erscheinungsbild spricht: Viele autistische Frauen überdecken ihre Merkmale so wirksam, dass sie die üblichen Kriterien scheinbar nicht erfüllen.
Für Selbsttests heißt das: Ein niedriger Wert sagt bei Frauen, die viel maskieren, noch weniger aus. Achte beim Ausfüllen darauf, wie es dir innen geht und wie viel Kraft dich etwas kostet, nicht nur darauf, wie du nach außen wirkst. Mehr dazu in den Magazin-Artikeln ADHS bei Frauen und Autismus bei Frauen.
Was können die Selbsttests von hej mind?
Wir bieten vier kostenlose Selbsttests an. Sie dauern jeweils nur wenige Minuten und sind als erster Schritt gedacht, nicht als Ergebnis.
- ADHS-Selbsttest: beruht auf dem ASRS-v1.1 der WHO mit 6 Fragen. Nach dem offiziellen Auswertungsschema sprechen vier oder mehr Antworten in den kritischen Bereichen dafür, dass die Beschwerden einer ADHS entsprechen könnten.
- Autismus-Selbsttest: der AQ-10 mit 10 Fragen, gedacht für Erwachsene mit durchschnittlicher Intelligenz. Ab 6 Punkten ist eine fachärztliche Untersuchung eine Überlegung wert.
- Hochbegabung-Selbstcheck: 10 Aussagen zu Erlebensweisen, die bei hochbegabten Erwachsenen oft vorkommen, etwa chronische Langeweile oder das Gefühl, nicht dazuzugehören. Er misst keinen IQ.
- Legasthenie-Selbst-Check: 9 Fragen zu Lesen und Schreiben im Alltag. Er ist nicht normiert und gibt dir nur eine grobe Tendenz.
Kein Selbsttest kann eine Diagnose stellen, auch unsere nicht. Wenn dich etwas belastet, sprich mit einer Ärztin oder einem Arzt, unabhängig davon, was der Test ergeben hat.
Wann ist eine richtige Diagnostik sinnvoll?
Ein Selbsttest beantwortet die Frage, ob es sich lohnt, genauer hinzuschauen. Eine Diagnostik beantwortet die Frage, was tatsächlich los ist. Sie ist besonders sinnvoll, wenn:
- dich die Schwierigkeiten im Alltag, im Job oder in Beziehungen deutlich belasten
- die Muster schon in deiner Kindheit da waren und nicht erst in einer stressigen Phase aufgetaucht sind
- du einen Nachteilsausgleich in Studium, Ausbildung oder Beruf brauchst
- eine Behandlung infrage kommt, etwa bei ADHS auch mit Medikamenten, was immer ärztlich abgewogen wird
- andere Erklärungen wie Depression oder Angst geprüft werden sollen
Eine gute Diagnostik verbindet ein ausführliches Gespräch, deine Lebensgeschichte, Angaben von Angehörigen und standardisierte Verfahren. Bei hej mind klärst du die ADHS-Diagnostik, die Autismus-Diagnostik und die Legasthenie-Diagnostik ärztlich und komplett online ab. Für Hochbegabung gibt es den IQ-Test mit dem IST-5, eine psychologische Testung mit schriftlichem Testbericht.
Häufige Fragen
Gibt es einen offiziellen Neurodivergent-Test auf Deutsch?
Nein. Neurodivergent ist ein Sammelbegriff und keine Diagnose, deshalb gibt es auch keinen offiziellen Test dafür, weder auf Deutsch noch auf Englisch. Es gibt aber geprüfte Screenings für einzelne Fragestellungen, etwa für ADHS oder Autismus.
Wie zuverlässig sind Online-Tests für ADHS oder Autismus?
Etablierte Screenings wie der ASRS oder der AQ-10 sind wissenschaftlich untersucht, aber nicht fehlerfrei. Sie übersehen manche Betroffene und schlagen bei manchen Menschen ohne Diagnose an. Für einen ersten Hinweis taugen sie, für eine Diagnose nicht.
Mein Selbsttest war unauffällig. Kann ich trotzdem betroffen sein?
Ja. Gerade Menschen, die sich jahrelang angepasst haben, beantworten Fragen oft so, wie sie nach außen wirken, nicht wie sie sich innen fühlen. Wenn dich etwas belastet, ist ein Gespräch mit Fachleuten sinnvoll, auch bei niedrigem Punktwert.
Was mache ich, wenn mein Selbsttest auffällig ist?
Zuerst: Das Ergebnis ist ein Hinweis, keine Diagnose. Notiere dir, was dich im Alltag belastet und seit wann. Alte Zeugnisse und Gespräche mit Eltern oder Geschwistern helfen später bei der Diagnostik. Dann kannst du eine fachärztliche Abklärung planen, bei hej mind zum Beispiel online.
Kann ich mehrere Selbsttests machen?
Ja, das ist oft sogar sinnvoll. ADHS und Autismus treten häufig gemeinsam auf, und auch Hochbegabung oder Legasthenie können dazukommen. Die Tests sind unabhängig voneinander und beantworten jeweils nur ihre eigene Frage.
Kosten die Selbsttests bei hej mind etwas?
Nein, alle vier Selbsttests sind kostenlos. Sie dauern jeweils nur wenige Minuten. Kosten entstehen erst, wenn du dich für eine Diagnostik entscheidest.
- Kessler, R. C. et al. (2005): The World Health Organization Adult ADHD Self-Report Scale (ASRS): a short screening scale for use in the general population. Psychological Medicine 35(2), 245-256
- Allison, C., Auyeung, B., Baron-Cohen, S. (2012): Toward brief „Red Flags“ for autism screening: The Short Autism Spectrum Quotient and the Short Quantitative Checklist in 1,000 cases and 3,000 controls. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry 51(2), 202-212
- Ashwood, K. L. et al. (2016): Predicting the diagnosis of autism in adults using the Autism-Spectrum Quotient (AQ) questionnaire. Psychological Medicine 46(12), 2595-2604
- NICE (2012, zuletzt geändert 2021): Autism spectrum disorder in adults: diagnosis and management (CG142), Empfehlung 1.2.3
- Hull, L., Petrides, K. V., Mandy, W. (2020): The Female Autism Phenotype and Camouflaging: a Narrative Review. Review Journal of Autism and Developmental Disorders 7, 306-317
- AWMF: S3-Leitlinie ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen (Register-Nr. 028-045)
Diese Seite informiert allgemein und ersetzt keine ärztliche Untersuchung oder Diagnose. Wenn du dich in der Beschreibung wiedererkennst, sprich mit einer Ärztin, einem Arzt oder einer psychotherapeutischen Praxis, gern auch mit uns.