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Begriff, Geschichte, Einordnung Asperger-Syndrom: was hinter dem Begriff steckt

Das Asperger-Syndrom ist eine Form von Autismus, bei der sich Sprache und Denken in der Kindheit ohne Verzögerung entwickeln. In den aktuellen Diagnosesystemen DSM-5 und ICD-11 gibt es den Namen nicht mehr, er ist in der Autismus-Spektrum-Störung aufgegangen. In Deutschland gilt für Befunde aber noch die ICD-10, dort heißt die Diagnose weiter F84.5.

Aktualisiert am 14. Oktober 2026 9 Minuten Lesezeit Redaktion hej mind
Inhalt
  1. Was ist das Asperger-Syndrom?
  2. Was steht in der ICD-10 unter F84.5?
  3. Warum gibt es die Diagnose Asperger heute nicht mehr?
  4. Wer war Hans Asperger?
  5. Darf man noch „Asperger“ sagen?
  6. Woran erkennt man Asperger bei Erwachsenen?
  7. Wie wird Asperger bei Erwachsenen diagnostiziert?
  8. Häufige Fragen
Auf einen Blick
  • Das Asperger-Syndrom beschreibt Autismus ohne Verzögerung der Sprachentwicklung und ohne Intelligenzminderung. In der ICD-10 trägt es den Code F84.5.
  • Das DSM-5 (2013) und die ICD-11 (seit 2022 in Kraft) führen es nicht mehr als eigene Diagnose. Es gehört dort zur Autismus-Spektrum-Störung.
  • In Deutschland bleibt die ICD-10-GM vorerst die amtliche Klassifikation. Die Diagnose F84.5 wird deshalb weiterhin gestellt.
  • Der Name geht auf den Wiener Kinderarzt Hans Asperger (1906 bis 1980) zurück. Historische Forschung belegt, dass er mit dem NS-Regime zusammenarbeitete und an der Überweisung von Kindern in eine Tötungsanstalt beteiligt war.
  • Typisch bei Erwachsenen sind Mühe mit ungeschriebenen sozialen Regeln, sehr intensive Interessen, ein starkes Bedürfnis nach Routine und eine besondere Reizverarbeitung.

Was ist das Asperger-Syndrom?

Das Asperger-Syndrom ist eine Besonderheit der neurologischen Entwicklung und gehört zum Autismus. Menschen mit Asperger nehmen soziale Situationen, Sprache und Sinnesreize anders wahr als die meisten. Sie lesen Mimik und Zwischentöne weniger intuitiv, haben oft sehr ausgeprägte Interessen und brauchen Vorhersehbarkeit. Anders als beim frühkindlichen Autismus beginnen sie aber ohne Verzögerung zu sprechen, und ihre geistige Entwicklung ist nicht beeinträchtigt.

Viele Asperger-Autist:innen fallen deshalb als Kinder wenig auf. Manche galten als eigen, sehr ernst oder „altklug“ und kamen in der Schule trotzdem zurecht. Die Schwierigkeiten zeigen sich oft erst, wenn das Leben mehr unausgesprochene Regeln verlangt: in der Pubertät, im Studium, im Job oder in Beziehungen.

Wichtig ist der Blick auf die Einordnung. Asperger ist keine Krankheit, die vorübergeht, und auch keine Charakterschwäche. Es ist eine dauerhafte Art, wie das Gehirn Informationen verarbeitet. Leidensdruck entsteht meist dort, wo Umgebung und Bedürfnisse nicht zusammenpassen.

Was steht in der ICD-10 unter F84.5?

In der ICD-10, die in Deutschland als ICD-10-GM für ärztliche Befunde gilt, gehört das Asperger-Syndrom zur Gruppe F84, den „tief greifenden Entwicklungsstörungen“. Daneben stehen dort unter anderem der frühkindliche Autismus (F84.0) und der atypische Autismus (F84.1).

Die Beschreibung von F84.5 nennt dieselben qualitativen Auffälligkeiten in der wechselseitigen sozialen Interaktion wie beim Autismus, dazu ein eingeschränktes, sich wiederholendes Repertoire von Interessen und Aktivitäten. Der Unterschied liegt vor allem darin, dass keine allgemeine Entwicklungsverzögerung und kein Rückstand von Sprache und kognitiver Entwicklung vorliegen. Erwähnt wird außerdem eine häufig auffallende motorische Ungeschicklichkeit und dass die Besonderheiten bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben.

Bemerkenswert: Schon die ICD-10 selbst bezeichnet das Asperger-Syndrom als Störung „von unsicherer nosologischer Validität“. Gemeint ist, dass nicht sicher war, ob es sich wirklich klar vom übrigen Autismus abgrenzen lässt. Als eingeschlossener Begriff steht dort bis heute „autistische Psychopathie“, Hans Aspergers eigene Bezeichnung aus den 1930er-Jahren. Das Wort Psychopathie hatte damals eine andere, breitere Bedeutung als heute.

Warum gibt es die Diagnose Asperger heute nicht mehr?

Das amerikanische Diagnosehandbuch DSM-IV kannte noch vier getrennte Diagnosen: autistische Störung, Asperger-Störung, desintegrative Störung im Kindesalter und eine Restkategorie. Die American Psychiatric Association begründete die Zusammenlegung im DSM-5 von 2013 damit, dass diese Unterformen in verschiedenen Kliniken nicht einheitlich vergeben wurden. Seitdem gibt es eine gemeinsame Diagnose: die Autismus-Spektrum-Störung. Wer früher eine dieser Diagnosen bekommen hat, erfüllt nach Angaben der APA in aller Regel auch die Kriterien der neuen Diagnose.

Die ICD-11 der WHO, seit dem 1. Januar 2022 international in Kraft, ist denselben Weg gegangen. Sie fasst die bisherigen Autismus-Diagnosen der ICD-10, darunter das Asperger-Syndrom, unter dem Code 6A02 zusammen. Statt Unterformen gibt es zwei Zusatzangaben: ob eine Störung der Intelligenzentwicklung vorliegt und wie gut die funktionale Sprache ist. Die Übergänge zwischen den alten Kategorien hatten sich als fließend erwiesen, und die Unterformen sagten wenig über den weiteren Verlauf aus.

DiagnosesystemWie Asperger dort heißtStatus
ICD-10 / ICD-10-GMAsperger-Syndrom, F84.5in Deutschland weiter amtlich gültig
DSM-IVAsperger-Störungabgelöst seit 2013
DSM-5Teil der Autismus-Spektrum-Störungaktuell gültige Fassung
ICD-11Teil der Autismus-Spektrum-Störung (6A02), meist 6A02.0international seit 2022, in Deutschland noch nicht eingeführt

Laut BfArM bleibt die ICD-10-GM in Deutschland so lange die amtliche Klassifikation, bis die ICD-11 eingeführt ist. Für die Krankenversorgung wird dieser Umstieg nach Angaben des BfArM noch mehrere Jahre dauern. Eine Asperger-Diagnose nach F84.5 ist also kein veralteter Befund, sondern der derzeit gültige Code.

Wer war Hans Asperger?

Hans Asperger (1906 bis 1980) war Kinderarzt in Wien. Ab 1935 leitete er die Heilpädagogische Station der Wiener Universitäts-Kinderklinik. 1938 sprach er erstmals von „autistischen Psychopathen“, 1944 erschien seine ausführliche Habilitationsschrift dazu. In den USA veröffentlichte Leo Kanner 1943 seine berühmte Arbeit über frühkindlichen Autismus. Internationale Beachtung fand Asperger erst, als die britische Psychiaterin Lorna Wing 1981 den Begriff „Asperger-Syndrom“ bekannt machte.

Lange galt Asperger als jemand, der seine Patient:innen vor dem NS-Regime schützte. Diese Darstellung beruhte vor allem auf seinen eigenen Aussagen nach dem Krieg. Der Wiener Medizinhistoriker Herwig Czech hat 2018 Personalakten und Krankengeschichten ausgewertet und kommt zu einem anderen Ergebnis: Asperger arrangierte sich mit dem Regime und wurde dafür mit Karrierechancen belohnt. Er trat mehreren NS-nahen Organisationen bei, wenn auch nicht der NSDAP selbst. Er rechtfertigte öffentlich die NS-Rassenhygiene einschließlich Zwangssterilisationen und arbeitete mehrfach aktiv mit dem Programm der Kinder-„Euthanasie“ zusammen.

Belegt ist etwa, dass ein dreijähriges Mädchen auf seine Veranlassung in die Wiener Anstalt Am Spiegelgrund verlegt wurde, wo Kinder systematisch getötet wurden. Es starb dort zwei Monate später. 1942 saß Asperger in einer Kommission, die Kinder einer psychiatrischen Anstalt in Gugging nach ihrer „Bildungsfähigkeit“ einteilte. In den Monaten danach wurden zahlreiche Kinder aus Gugging an den Spiegelgrund verlegt, keines von ihnen überlebte. Nach dem Krieg setzte Asperger seine Laufbahn ohne Unterbrechung fort und übernahm 1962 den Lehrstuhl für Kinderheilkunde in Wien.

Darf man noch „Asperger“ sagen?

Das entscheidest du selbst, wenn es um dich geht. Viele Menschen haben ihre Diagnose unter diesem Namen bekommen, verbinden damit ihre Geschichte und nennen sich weiter Asperger-Autist:in. Andere sagen bewusst „autistisch“ oder „Autist:in“, weil der Name nach den historischen Befunden für sie nicht mehr passt oder weil sie die Aufteilung in „leichten“ und „schweren“ Autismus ablehnen. Czech schreibt, wer den Namen künftig verwendet, solle den belastenden Zusammenhang seiner Entstehung mitdenken.

Medizinisch ändert die Wortwahl nichts. Wer heute nach DSM-5 diagnostiziert wird, bekommt die Diagnose Autismus-Spektrum-Störung. Wer in Deutschland nach ICD-10-GM diagnostiziert wird, kann weiterhin F84.5 im Befund haben. Beides beschreibt dieselben Merkmale.

Woran erkennt man Asperger bei Erwachsenen?

Die Merkmale sind dieselben wie bei der Autismus-Spektrum-Störung insgesamt, nur ohne Verzögerung von Sprache und Intelligenz. Bei Erwachsenen zeigen sie sich oft leiser als bei Kindern, weil viele über Jahre gelernt haben, sich anzupassen. Häufig berichtet werden:

  • Soziale Erschöpfung: Gespräche, Smalltalk und Gruppen kosten viel Kraft, auch wenn du Menschen magst.
  • Wörtliches Verstehen: Ironie, Andeutungen oder unausgesprochene Erwartungen entgehen dir leichter als anderen.
  • Intensive Interessen: Themen, in die du dich vertiefst und über die du sehr viel weißt.
  • Routinen und Vorhersehbarkeit: Spontane Planänderungen bringen dich stärker aus dem Gleichgewicht als andere.
  • Reizempfindlichkeit: Geräusche, Licht, Gerüche oder bestimmte Stoffe werden schnell zu viel. Mehr dazu unter Reizüberflutung.

Eine ausführliche Übersicht mit Beispielen aus dem Alltag und den Besonderheiten bei Frauen findest du auf der Seite Autismus bei Erwachsenen: Anzeichen und Symptome. Viele Erwachsene haben gelernt, ihre Merkmale zu verbergen. Wie das funktioniert und was es kostet, erklärt die Seite über Masking bei Autismus.

Wie wird Asperger bei Erwachsenen diagnostiziert?

Es gibt keinen Bluttest und kein Bildverfahren, das Autismus nachweist. Die Diagnose ist klinisch: Fachärzt:innen und Psycholog:innen erheben deine Geschichte von der Kindheit bis heute, führen strukturierte Interviews und Beobachtungen durch und holen, wenn möglich, Angaben von Menschen ein, die dich als Kind erlebt haben. Alte Zeugnisse können ebenfalls helfen. Dazu gehört immer die Frage, ob etwas anderes die Beschwerden besser erklärt, etwa ADHS, soziale Angst, Depression oder Trauma.

Ein erster Schritt kann ein Screening sein, zum Beispiel unser Autismus-Selbsttest (AQ-10). Er ersetzt keine Diagnose, zeigt aber, ob eine Abklärung sinnvoll sein kann. Bei hej mind läuft die Autismus-Diagnostik komplett per Videosprechstunde, auch bei Verdacht auf Asperger, mit einem interdisziplinären Team aus Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Psycholog:innen und einem schriftlichen ärztlichen Befund am Ende.

Häufige Fragen

Gibt es die Diagnose Asperger-Syndrom noch?

In den internationalen Systemen DSM-5 und ICD-11 nicht mehr, dort ist sie Teil der Autismus-Spektrum-Störung. In Deutschland gilt für Befunde aber weiterhin die ICD-10-GM, und dort steht das Asperger-Syndrom unter F84.5. Ärzt:innen in Deutschland stellen die Diagnose also noch, bis die ICD-11 eingeführt ist.

Was ist der Unterschied zwischen Asperger und Autismus?

Asperger ist eine Form von Autismus, kein Gegensatz dazu. Die ICD-10 unterschied es vom frühkindlichen Autismus vor allem dadurch, dass sich Sprache und Denken ohne Verzögerung entwickeln. Diese Grenze ließ sich in der Praxis nicht zuverlässig ziehen, deshalb sprechen die neuen Systeme von einem Spektrum.

Welcher ICD-Code gilt für Asperger?

In der ICD-10-GM ist es F84.5, als eingeschlossener Begriff steht dort auch „autistische Psychopathie“. In der ICD-11 gehört Asperger zur Autismus-Spektrum-Störung mit dem Code 6A02. Wer früher die Kriterien für Asperger erfüllte, wird dort in der Regel unter 6A02.0 eingeordnet: ohne Störung der Intelligenzentwicklung und mit höchstens leichter Beeinträchtigung der funktionalen Sprache.

Kann man Asperger erst als Erwachsener diagnostizieren lassen?

Ja. Die Merkmale bestehen seit der Kindheit, werden aber oft erst sichtbar, wenn die sozialen Anforderungen die eigenen Möglichkeiten übersteigen oder gelernte Anpassung nicht mehr reicht. Oft kommt die Abklärung erst nach einer Phase der Überlastung im Job oder im Privatleben.

Warum ist Hans Asperger umstritten?

Archivforschung, vor allem von Herwig Czech (2018), zeigt, dass Asperger mit dem NS-Regime zusammenarbeitete, die Rassenhygiene öffentlich rechtfertigte und an der Verlegung von Kindern in die Wiener Tötungsanstalt Am Spiegelgrund beteiligt war. Das frühere Bild eines Gegners der Nationalsozialisten lässt sich nicht halten. Deshalb verzichten manche Menschen heute bewusst auf seinen Namen.

Ist Asperger eine Behinderung?

Medizinisch ist es eine Entwicklungsbesonderheit, die das ganze Leben besteht. Ob daraus eine Behinderung im rechtlichen Sinn mit einem Grad der Behinderung wird, hängt davon ab, wie stark der Alltag eingeschränkt ist. Darüber entscheidet die zuständige Stelle auf Antrag, mehr dazu unter Schwerbehindertenausweis bei ADHS und Autismus.

Quellen
  1. BfArM: ICD-10-GM Version 2026, Kapitel V, Entwicklungsstörungen (F80-F89), darin F84.5 Asperger-Syndrom
  2. BfArM: ICD-11, Stand der Einführung in Deutschland
  3. American Psychiatric Association (2013): DSM-5 Fact Sheet Autism Spectrum Disorder
  4. Roy, M., Strate, P. (2023): Autism Spectrum Disorders in Adulthood: Symptoms, Diagnosis, and Treatment. Deutsches Ärzteblatt International 120(6), 87-93
  5. Czech, H. (2018): Hans Asperger, National Socialism, and “race hygiene” in Nazi-era Vienna. Molecular Autism 9, 29
  6. Wing, L. (1981): Asperger’s syndrome: a clinical account. Psychological Medicine 11(1), 115-129

Diese Seite informiert allgemein und ersetzt keine ärztliche Untersuchung oder Diagnose. Wenn du dich in der Beschreibung wiedererkennst, sprich mit einer Ärztin, einem Arzt oder einer psychotherapeutischen Praxis, gern auch mit uns.

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