- Im DSM-5 müssen alle drei Merkmale der sozialen Kommunikation (Kriterium A) und mindestens zwei von vier Merkmalen eingeschränkter, wiederholter Muster (Kriterium B) erfüllt sein.
- Die ICD-11 führt Autismus unter 6A02. Zusatzangaben halten fest, ob eine Störung der Intelligenzentwicklung vorliegt und wie gut die funktionale Sprache ist.
- Die Merkmale müssen seit der frühen Entwicklung bestehen, dürfen aber erst später sichtbar werden, wenn die sozialen Anforderungen die eigenen Möglichkeiten übersteigen.
- Die ICD-10 unterscheidet frühkindlichen Autismus (F84.0), atypischen Autismus (F84.1) und Asperger-Syndrom (F84.5). In Deutschland ist sie für Befunde weiter gültig.
- Zusammengelegt wurden die Unterformen, weil sie in verschiedenen Kliniken nicht einheitlich vergeben wurden.
Welche Kriterien gelten für eine Autismus-Diagnose?
Es gibt zwei große Diagnosesysteme. Das DSM-5 der American Psychiatric Association (APA) ist das amerikanische Handbuch und in der Forschung weltweit verbreitet. Die ICD der WHO ist die internationale Klassifikation, nach der in Deutschland Diagnosen verschlüsselt werden. Die aktuelle Fassung, die ICD-11, ist seit dem 1. Januar 2022 international in Kraft. Für Befunde und Abrechnung gilt in Deutschland laut BfArM aber noch die ICD-10-GM, und der Umstieg wird noch mehrere Jahre dauern.
Inhaltlich liegen DSM-5 und ICD-11 nah beieinander. Die wichtigsten Unterschiede zeigt die Tabelle.
| DSM-5 | ICD-11 | ICD-10 | |
|---|---|---|---|
| Name | Autismus-Spektrum-Störung | Autismus-Spektrum-Störung (6A02) | tief greifende Entwicklungsstörungen (F84) mit mehreren Autismus-Diagnosen |
| Kernbereiche | soziale Kommunikation und Interaktion; eingeschränkte, wiederholte Muster | dieselben zwei Bereiche | drei Bereiche: soziale Interaktion, Kommunikation, stereotypes Verhalten |
| Sinnesreize | Teil von Kriterium B | ausdrücklich genannt, als anhaltende Über- oder Unterempfindlichkeit | nicht als Kernmerkmal genannt |
| Beginn | frühe Entwicklung, kann später sichtbar werden | Entwicklungsphase, meist frühe Kindheit, kann später sichtbar werden | frühkindlicher Autismus: vor dem dritten Lebensjahr |
| Abstufung | drei Schweregrade nach Unterstützungsbedarf | Zusatzangaben zu Intelligenzentwicklung und funktionaler Sprache | getrennte Diagnosen |
Was sind die DSM-5-Kriterien für Autismus?
Das DSM-5 von 2013 ordnet die Kriterien in fünf Punkte, hier in eigenen Worten zusammengefasst. Die Merkmale können aktuell bestehen oder aus der Vorgeschichte bekannt sein.
- A: soziale Kommunikation und Interaktion. Anhaltende Schwierigkeiten in drei Bereichen: im wechselseitigen Miteinander (etwa Gespräche hin und her führen, Interessen und Gefühle teilen), in der nichtsprachlichen Kommunikation (Blickkontakt, Gestik, Mimik, Körpersprache) und bei Beziehungen (sie aufbauen, halten und verstehen, das eigene Verhalten an verschiedene Situationen anpassen).
- B: eingeschränkte, wiederholte Muster. Mindestens zwei von vier Merkmalen: wiederholte Bewegungen, Handlungen oder Sprache; starkes Festhalten an Gleichem und an Routinen; sehr intensive, eng umrissene Interessen; Über- oder Unterempfindlichkeit für Sinnesreize oder ein ungewöhnliches Interesse an ihnen.
- C: Beginn. Die Merkmale bestehen seit der frühen Entwicklung. Sie können aber erst sichtbar werden, wenn die sozialen Anforderungen die eigenen Möglichkeiten übersteigen, oder später durch gelernte Strategien verdeckt sein.
- D: Beeinträchtigung. Die Merkmale schränken das Leben in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Bereichen deutlich ein.
- E: Abgrenzung. Die Schwierigkeiten lassen sich nicht besser durch eine Intelligenzminderung oder eine allgemeine Entwicklungsverzögerung erklären. Beides kann aber zusätzlich zu Autismus bestehen.
Bei Kriterium A ließ die ursprüngliche Formulierung offen, ob alle drei Bereiche nötig sind. Die überarbeitete Fassung DSM-5-TR von 2022 hat das klargestellt: Alle drei müssen erfüllt sein. Die APA begründet das damit, dass die Schwelle für die Diagnose hoch bleiben soll.
Schweregrade und Zusatzangaben
Für beide Bereiche wird getrennt ein Schweregrad angegeben. Level 1 heißt „benötigt Unterstützung“, Level 2 „benötigt umfangreiche Unterstützung“, Level 3 „benötigt sehr umfangreiche Unterstützung“. Schon die niedrigste Stufe bedeutet also Unterstützungsbedarf. Zusatzangaben halten fest, ob eine Intelligenzminderung, eine Sprachstörung, eine bekannte genetische oder körperliche Erkrankung, weitere psychische Störungen oder eine Katatonie dazukommen.
Wer deutliche Schwierigkeiten in der sozialen Kommunikation hat, die übrigen Autismus-Kriterien aber nicht erfüllt, soll laut DSM-5 auf eine eigene Diagnose hin untersucht werden: die soziale (pragmatische) Kommunikationsstörung.
Wie beschreibt die ICD-11 Autismus (6A02)?
Die ICD-11 führt Autismus unter dem Code 6A02 in der Gruppe der neuronalen Entwicklungsstörungen, zusammen mit ADHS und Lernstörungen. Zu jeder Diagnose gibt es klinische Beschreibungen mit diagnostischen Anforderungen. Für Autismus sind das im Kern vier:
- Soziale Kommunikation und Interaktion: anhaltende Schwierigkeiten, wechselseitige Kommunikation und Begegnungen zu beginnen und aufrechtzuerhalten, gemessen an Alter und intellektuellem Entwicklungsstand. Genannt werden etwa nichtsprachliche Signale, geteilte Interessen und Freundschaften.
- Eingeschränkte, wiederholte und unflexible Muster: zum Beispiel starke Belastung schon durch kleine Veränderungen, starres Festhalten an Routinen und Regeln, wiederholte Bewegungen, intensive Spezialinteressen sowie eine lebenslange Über- oder Unterempfindlichkeit für Geräusche, Licht, Stoffe, Gerüche, Geschmack, Wärme, Kälte oder Schmerz.
- Beginn in der Entwicklungsphase, meist in der frühen Kindheit. Voll sichtbar werden die Merkmale aber manchmal erst später, wenn die sozialen Anforderungen die begrenzten Möglichkeiten übersteigen.
- Deutliche Beeinträchtigung im persönlichen, familiären, sozialen, schulischen, beruflichen oder einem anderen wichtigen Bereich.
Ein Satz der ICD-11 ist für Erwachsene besonders wichtig: Manche autistischen Menschen kommen in vielen Situationen nur durch außergewöhnliche Anstrengung zurecht, sodass ihre Schwierigkeiten für andere nicht sichtbar sind. Die Diagnose ist laut ICD-11 auch dann angemessen. Diese dauernde Anstrengung kommt nach der ICD-11 bei Frauen wohl häufiger vor und schadet der psychischen Gesundheit. Mehr dazu unter Masking bei Autismus.
Die ICD-11 zieht auch eine Grenze zur normalen Vielfalt. Schüchternheit allein, eine späte Sprachentwicklung allein oder intensive Interessen allein sprechen nicht für Autismus. Entscheidend ist, dass sie mit anhaltenden Schwierigkeiten in der sozialen Kommunikation zusammentreffen.
Welche Codes für Autismus gibt es in der ICD-11?
Unterformen im alten Sinn kennt die ICD-11 nicht mehr. Der genaue Code ergibt sich aus zwei Zusatzangaben: Liegt zusätzlich eine Störung der Intelligenzentwicklung vor? Und wie gut kann die Person Sprache im Alltag nutzen, gesprochen oder gebärdet, um etwas mitzuteilen?
| Code | Intelligenzentwicklung | Funktionale Sprache |
|---|---|---|
| 6A02.0 | keine Störung | nicht oder nur leicht beeinträchtigt |
| 6A02.1 | Störung liegt vor | nicht oder nur leicht beeinträchtigt |
| 6A02.2 | keine Störung | beeinträchtigt, also nicht mehr als einzelne Wörter oder einfache Sätze |
| 6A02.3 | Störung liegt vor | beeinträchtigt |
| 6A02.5 | Störung liegt vor | vollständig oder fast vollständig fehlend |
Einen Code 6A02.4 gibt es nicht, die Tabelle der ICD-11 lässt dieses Feld leer. Dazu kommen 6A02.Y für andere näher bezeichnete Formen und 6A02.Z, wenn die Angaben unbekannt sind. Eine weitere Stelle hält fest, ob früher erworbene Fähigkeiten verloren gegangen sind, was laut ICD-11 nur selten und meist im zweiten Lebensjahr vorkommt. Was früher als Asperger-Syndrom diagnostiziert wurde, entspricht in der Regel 6A02.0.
Welche Autismus-Kriterien nennt die ICD-10?
In der ICD-10, in Deutschland als ICD-10-GM für Befunde weiter gültig, gehört Autismus zur Gruppe F84, den tief greifenden Entwicklungsstörungen. Gemeinsam sind ihnen qualitative Auffälligkeiten in der wechselseitigen sozialen Interaktion und Kommunikation und ein eingeschränktes, stereotypes, sich wiederholendes Repertoire von Interessen und Aktivitäten. Drei Diagnosen beschreiben Autismus:
| Code | Diagnose | Kernpunkte laut ICD-10-GM |
|---|---|---|
| F84.0 | Frühkindlicher Autismus | abweichende Entwicklung, die vor dem dritten Lebensjahr sichtbar wird, mit Auffälligkeiten in allen drei Bereichen: soziale Interaktion, Kommunikation, eingeschränktes und wiederholtes Verhalten |
| F84.1 | Atypischer Autismus | Beginn erst nach dem dritten Lebensjahr oder nicht in allen drei Bereichen auffällig |
| F84.5 | Asperger-Syndrom | dieselben sozialen Auffälligkeiten und eingeschränkten Interessen, aber ohne Verzögerung von Sprache und kognitiver Entwicklung |
In der Praxis war die Trennung schwer zu ziehen. Die ICD-10 selbst nennt das Asperger-Syndrom eine Störung von unsicherer nosologischer Validität, mehr dazu unter Asperger-Syndrom. Weil die ICD-10-GM amtlich gilt, steht in deutschen Befunden weiterhin meist einer dieser F84-Codes.
Warum wurden die Autismus-Diagnosen zusammengeführt?
Das DSM-IV kannte noch vier getrennte Diagnosen, darunter die Asperger-Störung. Die APA begründete die Zusammenlegung im DSM-5 damit, dass sie in verschiedenen Kliniken nicht einheitlich vergeben wurden. Wer nach dem DSM-IV sicher eine dieser Diagnosen hatte, soll die Diagnose Autismus-Spektrum-Störung bekommen. Eine Studie, auf die sich die APA beruft, fand, dass die neuen Kriterien 91 Prozent der Kinder mit einer früheren Diagnose aus dieser Gruppe wieder erfassten, andere Studien kamen zu uneinheitlichen Ergebnissen. Die ICD-11 fasst die bisherigen Autismus-Diagnosen ebenso unter 6A02 zusammen.
Wie werden die Kriterien in der Diagnostik geprüft?
Ob die Kriterien erfüllt sind, misst kein einzelner Test. Fachärzt:innen und Psycholog:innen prüfen sie in Gesprächen über Gegenwart und Kindheit, mit Fragebögen, Beobachtung und wenn möglich mit Angaben von Menschen, die dich von klein auf kennen. Dazu gehört immer die Frage, ob etwas anderes die Beschwerden besser erklärt. Die ICD-11 nennt dafür unter anderem ADHS, soziale Angst, Zwangsstörungen, Persönlichkeitsstörungen und Bindungsstörungen.
Wie das bei Erwachsenen abläuft und was ADOS-2 und ADI-R leisten, erklärt die Seite Autismus-Diagnostik: Ablauf. Bei hej mind läuft die Autismus-Diagnostik nach den offiziellen Diagnosesystemen DSM-5 und ICD-10/11, komplett per Videosprechstunde. Einen ersten Hinweis kann vorher unser Autismus-Selbsttest (AQ-10) geben.
Häufige Fragen
Welcher ICD-11-Code gilt für Autismus?
6A02, Autismus-Spektrum-Störung. Die Stelle nach dem Punkt zeigt, ob eine Störung der Intelligenzentwicklung vorliegt und wie gut die funktionale Sprache ist, zum Beispiel 6A02.0 ohne Intelligenzstörung und mit höchstens leicht beeinträchtigter Sprache. In Deutschland stehen in Befunden derzeit noch die ICD-10-Codes F84.0, F84.1 oder F84.5.
Wie viele Kriterien müssen im DSM-5 erfüllt sein?
In Kriterium A alle drei Bereiche der sozialen Kommunikation, in Kriterium B mindestens zwei der vier Merkmale. Dazu kommen ein Beginn in der frühen Entwicklung (C), eine deutliche Beeinträchtigung im Alltag (D) und dass die Schwierigkeiten nicht besser durch eine Intelligenzminderung erklärt werden (E).
Was bedeuten Level 1, 2 und 3 bei Autismus?
Das sind die Schweregrade des DSM-5. Level 1 heißt „benötigt Unterstützung“, Level 2 „benötigt umfangreiche Unterstützung“, Level 3 „benötigt sehr umfangreiche Unterstützung“. Sie werden für die soziale Kommunikation und für die wiederholten Muster getrennt angegeben. Die ICD-11 kennt keine solchen Level.
Gilt in Deutschland die ICD-10 oder die ICD-11?
Für Befunde und Abrechnung gilt laut BfArM weiterhin die ICD-10-GM. Die ICD-11 ist international seit 2022 in Kraft, ihre Einführung in Deutschland wird aber noch mehrere Jahre dauern.
Was ist der Unterschied zwischen F84.0 und F84.5?
F84.0, der frühkindliche Autismus, fällt vor dem dritten Lebensjahr in allen drei Kernbereichen auf. F84.5, das Asperger-Syndrom, zeigt dieselben sozialen Besonderheiten, aber ohne Verzögerung von Sprache und kognitiver Entwicklung. In ICD-11 und DSM-5 gehören beide zur Autismus-Spektrum-Störung.
Muss Autismus schon in der Kindheit aufgefallen sein?
Die Merkmale müssen seit der frühen Entwicklung bestehen, aufgefallen sein müssen sie aber nicht. DSM-5 und ICD-11 sagen ausdrücklich, dass sie erst sichtbar werden können, wenn die sozialen Anforderungen steigen, oder durch gelernte Strategien verdeckt sind. In der Diagnostik bei Erwachsenen wird die Kindheit deshalb rückblickend erfragt.
- American Psychiatric Association (2013): DSM-5, Diagnostic Criteria Autism Spectrum Disorder 299.00 (F84.0) mit Schweregraden, wiedergegeben vom Interagency Autism Coordinating Committee (US-Gesundheitsministerium)
- American Psychiatric Association (2022): DSM-5-TR Fact Sheet Autism Spectrum Disorder
- American Psychiatric Association (2013): DSM-5 Fact Sheet Autism Spectrum Disorder
- WHO: ICD-11 (Version 2026-01), 6A02 Autism spectrum disorder, mit klinischen Beschreibungen und diagnostischen Anforderungen
- BfArM: ICD-10-GM Version 2026, Block F80 bis F89, darin F84 Tief greifende Entwicklungsstörungen
- BfArM: ICD-11, Stand der Einführung in Deutschland
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