- ADHS ist eine neuronale Entwicklungsstörung mit drei Kernbereichen: Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. ADHD ist die englische Abkürzung für dieselbe Diagnose.
- Für eine Diagnose müssen deutliche Symptome schon vor dem 12. Lebensjahr da gewesen sein, mindestens sechs Monate anhalten und in mehreren Lebensbereichen stören.
- ADHS ist stark erblich: Zwillings-, Familien- und Adoptionsstudien kommen im Mittel auf eine Erblichkeit von 74 Prozent.
- In Deutschland zeigt die KiGGS-Studie bei Kindern und Jugendlichen eine Häufigkeit von 4,4 Prozent. Für Erwachsene liegen weltweite Schätzungen bei rund 2,6 Prozent.
- Bei Erwachsenen wird die Hyperaktivität oft leiser und zeigt sich als innere Unruhe. Die Unaufmerksamkeit bleibt eher bestehen.
Was ist ADHS?
ADHS ist die Abkürzung für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Die deutsche S3-Leitlinie beschreibt sie als eine der häufigsten psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter, die in vielen Fällen bis ins Erwachsenenalter bestehen bleibt. Kennzeichnend sind drei Kernsymptome: Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Sie sind stärker ausgeprägt, als es für Alter und Entwicklungsstand zu erwarten wäre, zeigen sich in verschiedenen Situationen und führen zu spürbaren Einschränkungen in Schule, Beruf oder Beziehungen.
In der ICD-11 der WHO steht ADHS unter dem Code 6A05 in der Gruppe der neuronalen Entwicklungsstörungen. Gemeint sind Besonderheiten, die in der frühen Entwicklung des Gehirns entstehen. Autismus und Lernstörungen wie die Legasthenie gehören zur selben Gruppe. Mit Faulheit oder fehlendem Willen hat ADHS nichts zu tun.
Die Leitlinie erwähnt auch, dass es unterschiedliche Sichtweisen auf ADHS gibt, vom biomedizinischen Modell bis zum Neurodiversitätsmodell. Aus Sicht des Neurodiversitätsmodells entstehen Schwierigkeiten weniger aus einem inneren Defizit, sondern daraus, dass die Anforderungen der Umwelt und die eigene Art zu denken und zu handeln nicht zusammenpassen. Für die Diagnose zählt in jedem Fall, ob im Alltag deutliche Einschränkungen entstehen.
Was bedeuten ADHS, ADHD und ADS?
Die vielen Abkürzungen meinen fast alle dasselbe. ADHD ist der englische Name, Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder. ADS steht für Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Der ältere Begriff wird heute meist für ADHS ohne auffällige Hyperaktivität verwendet. Eine eigene Diagnose ist ADS nicht, sondern eine Form der ADHS.
| Begriff | Bedeutung | Einordnung heute |
|---|---|---|
| ADHS | Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung | aktueller Name der Diagnose, in der ICD-11 Code 6A05 |
| ADHD | Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder | englischer Name derselben Diagnose |
| ADS | Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, ADHS ohne auffällige Hyperaktivität | in der ICD-11 das vorwiegend unaufmerksame Erscheinungsbild (6A05.0), in der ICD-10-GM F98.80 |
| HKS | Hyperkinetische Störung | Begriff der ICD-10 (F90), in Deutschland für Befunde weiter gültig |
Welche Erscheinungsbilder es gibt und wie sie sich unterscheiden, erklärt die Seite ADHS-Typen. Wenn bei dir vor allem die Aufmerksamkeit betroffen ist, lies weiter unter ADS bei Erwachsenen.
Welche Kernsymptome hat ADHS?
Die ICD-11 beschreibt drei Bereiche:
- Unaufmerksamkeit: Es fällt schwer, bei Aufgaben dranzubleiben, die wenig Reiz oder Belohnung bieten. Dazu kommen Ablenkbarkeit, Flüchtigkeitsfehler, Vergesslichkeit und Mühe beim Planen und Organisieren.
- Hyperaktivität: übermäßige Bewegung und Mühe, still zu sitzen, vor allem in Situationen, die Selbstkontrolle verlangen. Bei Erwachsenen eher ein Gefühl körperlicher Unruhe.
- Impulsivität: Handeln aus dem Moment heraus, ohne Folgen und Risiken abzuwägen, etwa anderen ins Wort fallen, spontane Entscheidungen treffen oder riskant Auto fahren.
Ab und zu unkonzentriert zu sein, reicht für eine Diagnose nicht. Die Symptome müssen mindestens sechs Monate bestehen, schon vor dem 12. Lebensjahr deutlich gewesen sein, in mehreren Lebensbereichen auftreten und dort spürbar stören. Außerdem dürfen sie nicht besser durch etwas anderes erklärt werden, etwa durch eine Angststörung oder durch Substanzen. Ausführlich und mit Beispielen aus dem Alltag steht das unter ADHS-Symptome bei Erwachsenen.
Ein wichtiger Hinweis aus der ICD-11: Bei Tätigkeiten, die stark fesseln und schnell belohnen, kann die Unaufmerksamkeit kaum auffallen. Wer stundenlang konzentriert spielen oder an einem Lieblingsprojekt sitzen kann, hat also nicht automatisch kein ADHS. Mehr dazu unter Hyperfokus.
Wie zeigt sich Hyperaktivität bei Erwachsenen?
Das Bild vom Kind, das nicht stillsitzen kann, passt auf Erwachsene oft nicht mehr. Laut ICD-11 nimmt die Hyperaktivität bei vielen mit dem Alter ab, sodass sie nach der Jugend kaum noch auffällt oder nur noch als körperliche Unruhe erlebt wird. Die S3-Leitlinie hält fest, dass sich das Symptomprofil im Erwachsenenalter verändern kann und die Unaufmerksamkeit eher bestehen bleibt als die hyperaktiv-impulsiven Symptome. Hyperaktiv als Erwachsene:r kann zum Beispiel so aussehen:
- ein ständiges Gefühl, innerlich unter Strom zu stehen
- Unbehagen, wenn es still ist oder du lange sitzen musst, etwa in Meetings, im Kino oder im Zug
- Wippen mit dem Fuß, Spielen mit Stift oder Handy, häufiges Aufstehen
- viel reden und Mühe, leise und entspannt einer Sache nachzugehen
- Ungeduld beim Warten, ob in der Schlange, im Gespräch oder im Stau
Nicht jede Unruhe ist ADHS. Die ICD-11 verlangt ausdrücklich zu prüfen, ob eine andere psychische Erkrankung, etwa eine Angststörung, oder die Wirkung von Substanzen und bestimmten Medikamenten die Beschwerden besser erklärt. Deshalb gehört zur Diagnostik immer der Blick auf andere mögliche Ursachen.
Woher kommt ADHS?
ADHS hat nicht die eine Ursache. Die Leitlinie spricht von einer Entstehung aus mehreren Faktoren: Erbanlagen, Einflüsse vor, während und kurz nach der Geburt und deren Zusammenspiel. Den größten Anteil haben die Gene. Eine Übersicht über Zwillings-, Familien- und Adoptionsstudien kommt im Mittel auf eine Erblichkeit von 74 Prozent (Faraone und Larsson, 2019). Meist wirken viele genetische und Umweltfaktoren mit jeweils sehr kleinem Einfluss zusammen. Deshalb tritt ADHS in Familien gehäuft auf, oft über Generationen.
Die Umweltfaktoren wirken nach der internationalen Konsenserklärung der World Federation of ADHD sehr früh, in der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt. Nur in seltenen Fällen lösen extreme Vernachlässigung in der frühen Kindheit oder eine frühe Hirnverletzung ADHS-ähnliche Beschwerden aus. Das spricht gegen die verbreitete Annahme, ADHS sei eine Folge zu lascher Erziehung. Auch Zucker ist keine Ursache: Eine Metaanalyse mit über 25.000 Teilnehmenden fand bei Kindern und Jugendlichen keinen Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum und ADHS.
Neu ist ADHS übrigens nicht. Der deutsche Arzt Melchior Adam Weikard beschrieb schon 1775 in einem Lehrbuch ein Störungsbild mit den typischen Merkmalen. 1845 schilderte Heinrich Hoffmann, später Leiter der ersten psychiatrischen Klinik in Frankfurt am Main, unruhige und unaufmerksame Kinder in einem Kinderbuch.
Wie häufig ist ADHS, und bleibt sie im Erwachsenenalter?
Für Deutschland zeigt die KiGGS-Studie bei Kindern und Jugendlichen zwischen 3 und 17 Jahren eine Häufigkeit von 4,4 Prozent. Bei Erwachsenen liegen weltweite Schätzungen bei 2,58 Prozent. Beide Zahlen nennt die aktuelle S3-Leitlinie. Wie groß der Abstand zur tatsächlichen Versorgung ist, zeigen Abrechnungsdaten, die die Leitlinie ebenfalls nennt: 2014 hatten nur 0,4 Prozent der 18- bis 69-Jährigen eine ADHS-Diagnose.
Wie oft ADHS bis ins Erwachsenenalter bleibt, hängt davon ab, wie man zählt. Eine Metaanalyse von Faraone und Kollegen fand, dass mit 25 Jahren etwa 15 Prozent noch alle Kriterien erfüllen. Zählt man Menschen mit, die weiter einen Teil der Symptome haben und dadurch beeinträchtigt sind, sind es etwa 65 Prozent. Die Leitlinie fasst zusammen: In der Mehrzahl der Fälle bleiben Symptome bis ins Erwachsenenalter bestehen, oft unterhalb der vollen Diagnose, aber mit spürbaren Folgen.
Eine Modediagnose ist ADHS nicht. Die Konsenserklärung kommt zu dem Schluss, dass ADHS in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht häufiger geworden ist, aber heute öfter erkannt wird. Die deutsche Leitlinie weist zugleich darauf hin, dass gesellschaftliche Faktoren und veränderte Maßstäbe mit beeinflussen, wie oft ADHS festgestellt wird.
Wie wird ADHS bei Erwachsenen festgestellt?
Es gibt keinen Bluttest für ADHS. Auch Hirnscans helfen nicht: Die Unterschiede, die Studien im Mittel finden, sind laut Konsenserklärung zu klein, um damit eine Diagnose zu stellen. Die Diagnose stellen Fachärzt:innen und Psycholog:innen anhand ausführlicher Gespräche, strukturierter Interviews und Fragebögen. Welche Verfahren dabei üblich sind, erklärt die Seite ADHS-Diagnostik: Verfahren.
Wichtig ist der Blick zurück. Die ICD-11 nennt Zeugnisse und Angaben von Menschen, die dich als Kind kannten, als wichtige Stütze der Diagnose bei Erwachsenen. Auch Partner:innen, Familie oder Kolleg:innen können hilfreiche Hinweise geben.
Ein erster Schritt kann unser ADHS-Selbsttest sein. Er beruht auf der ASRS-v1.1 der WHO mit sechs Fragen und zeigt, ob eine Abklärung sinnvoll sein kann. Die Diagnose selbst stellen bei hej mind Fachärzt:innen in der ADHS-Diagnostik, komplett per Videosprechstunde.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen ADHS und ADHD?
Es gibt keinen. ADHD ist die englische Abkürzung für Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder, ADHS die deutsche für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Gemeint ist dieselbe Diagnose. Im Internet begegnet dir oft ADHD, weil viel Forschung und Austausch auf Englisch stattfindet.
Was ist das Gegenteil von ADHS?
Ein medizinisches Gegenteil gibt es nicht. ADHS beschreibt ein Muster, das deutlich über die normale Bandbreite von Aufmerksamkeit und Aktivität hinausgeht. Menschen ohne eine solche Entwicklungsbesonderheit werden manchmal neurotypisch genannt, mehr dazu unter Neurodivergenz. Sehr ruhige Menschen sind auch kein Gegenstück, denn ADHS gibt es ebenso ohne sichtbare Hyperaktivität.
Ist jede Unaufmerksamkeit ein Zeichen für ADHS?
Nein. Unaufmerksam ist jeder mal, etwa bei Müdigkeit, Stress oder Langeweile. Bei ADHS ist die Unaufmerksamkeit deutlich stärker als bei Gleichaltrigen, besteht seit der Kindheit und stört in mehreren Lebensbereichen. Weil auch Angst, Depression oder Substanzen die Konzentration beeinträchtigen können, gehört eine sorgfältige Abgrenzung zu jeder Diagnostik.
Kann man ADHS erst als Erwachsener bekommen?
Nach den Diagnosekriterien nicht. Deutliche Symptome müssen schon vor dem 12. Lebensjahr bestanden haben. Viele fallen aber erst als Erwachsene auf, laut ICD-11 oft dann, wenn die Anforderungen größer werden als das, was sie bisher ausgleichen konnten. Typische Zeitpunkte sind Studium, ein neuer Job oder die Geburt eines Kindes.
Ist ADHS vererbbar?
Zu einem großen Teil ja. Zwillings-, Familien- und Adoptionsstudien kommen im Mittel auf eine Erblichkeit von 74 Prozent. Beteiligt sind viele Erbanlagen mit jeweils kleinem Einfluss. Hat ein Elternteil ADHS, ist die Wahrscheinlichkeit für die Kinder erhöht, eine Gewissheit ist es aber nicht.
Wächst sich ADHS aus?
Bei manchen werden die Symptome mit dem Alter schwächer, vor allem die Hyperaktivität. Nach einer Metaanalyse erfüllen mit 25 Jahren noch etwa 15 Prozent alle Kriterien. Zählt man Menschen mit, die weiter beeinträchtigende Symptome haben, sind es etwa 65 Prozent. Ganz verschwinden die Schwierigkeiten bei vielen also nicht.
- AWMF: Interdisziplinäre S3-Leitlinie Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Version 2.0 (2026), Register-Nr. 028-045, Langfassung (bereitgestellt von der DGPPN)
- WHO: ICD-11 (Version 2026-01), 6A05 Attention deficit hyperactivity disorder, mit klinischen Beschreibungen und diagnostischen Anforderungen
- BfArM: ICD-10-GM Version 2026, Block F90 bis F98
- Faraone, S. V., Larsson, H. (2019): Genetics of attention deficit hyperactivity disorder. Molecular Psychiatry 24(4), 562-575
- Faraone, S. V., Biederman, J., Mick, E. (2006): The age-dependent decline of attention deficit hyperactivity disorder: a meta-analysis of follow-up studies. Psychological Medicine 36(2), 159-165
- Faraone, S. V. et al. (2021): The World Federation of ADHD International Consensus Statement: 208 Evidence-based conclusions about the disorder. Neuroscience & Biobehavioral Reviews 128, 789-818
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